Chaos (?) Communication Congress - pt. 4/4
Von Loona. Veröffentlicht in computerszene, home story am Sonntag den 20. Januar 2008.[Dies ist der vierte Teil meines Berichts vom 24C3. Den dritten Teil findest Du hier, den zweiten Teil hier und den ersten Teil hier.]
Web of Mistrust pt. 2
Das Ende vom Lied war dann daß St1s Bändchen tatsächlich nicht mehr abgegeben wurde. Als er dann gegen Abend den Kongress verließ versuchten Wonko und er noch mal mit den CCClern zu sprechen, ob St1 nicht vielleicht ein Ersatz-Bändchen bekommen könnte. Aber das wurde abgelehnt mit der Begründung, da könne ja jeder kommen. Auch als Wonko sich als Zeuge erbat und anbot noch ein halbes Dutzend andere Zeugen zu holen wurde das mit “Ja, da könnte ja jeder kommen und ein paar Freunde organisieren…” abgebügelt. — Ich meine: Es ist ja ganz sympathisch wenn jemand eine Begabung zum paranoiden Denken hat, und es hilft sicher auch ungemein beim Design von Computer-Netzwerken und sicherer Software… Aaaaber: Wie realistisch ist denn so ein Szenario tatsächlich? - Ist denn nur noch so wenig echter Trust in der Szene vorhanden?
Am Ausgang findet sich denn auch noch ein Schild Zettel des Inhalts dass jederzeit jeder gefilzt werden kann, der das Gebäude verläßt. Gleich daneben sind noch einige andere Zettel angebracht, die klar ironisch gemeint sind. Ich frage daher einen daneben stehenden Menschen mit Orga-Clip ob das mit den spontanen Durchsuchungen so richtig ernst gemeint sei. Er fragt nur zurück: “Ja wieso denn nicht?” Ich sage: “Keine Ahnung. Ich wollte nur mal nachfragen.” Er: “Ich stehe hier nur.” Ich: “O.K.”
Viel genutzt zu haben scheint die Überwachung allerdings nicht. Zumindest am Ende des vierten Tages finden sich plötzlich doch recht viele Menschen ohne Bändchen im Gebäude. Unter anderem wird einer von einem der Schlossöffner beim Versuch ertappt ein Notebook zu klauen. Ein alter Bekannter: Er war wohl schon letztes Jahr am Ende des Kongresses herumgeschlichen und hatte nach Notebooks gesucht.
O temporæ!
Auch gleich am ersten Tag gab es den Vortrag “VX - The Virus Underground“, in dem es um das Schreiben von Viren als Kunstform ging. Auch diesen habe ich mir nur per Stream vom Sofa aus angesehen. Ein junger Virus-Coder namens SkyOut berichtete aus der Szene der Virus-Autoren. Er selbst zählt sich dabei ganz klar zu den White Hat VXern. D.h. er veröffentlich zwar Virus-Sourcecode, würde jedoch niemals ein Virus in die freie Wildbahn entlassen.
Es geht ihm analog zum White Hat-Hacker rein um die Herausforderung ein (theoretisch) funktionierendes Virus zu schreiben, und so Sicherheitslücken aufzudecken und sein Können zu beweisen. — Manche Reaktionen auf den Vortrag - vor allem die von wohl amerikanischen native speakers - waren ziemlich heftig. Ein paar Leute schienen die Analogie zur full disclosure von Sicherheitslücken beim Hacking echt nicht zu raffen, oder nicht raffen zu wollen.
Der arme Junge wurde regelrecht angefeindet. Worte wie “hypocritical organised crime” fielen. Einer der Fragesteller entblödete sich echt nicht zu fragen warum sie [die VXer] denn nicht ein großes Porno-Ding mit der russischen Mafia durchziehen würden? — Was das eine mit dem anderen zu tun hat wird wohl sein Geheimnis bleiben müssen. Kurz: Er wurde wie ein Krimineller behandelt. Der Göttin sei Dank nicht von allen. Ich habe ihm dann am nächsten Tag noch mal gesagt, daß ich das unmöglich von diesen Leuten fand. Wer mag kann sich’s ja noch mal selbst auf Video ansehen.
O mores!
Irgendwie habe ich eh den Eindruck daß es zu meiner aktiven “Hacker”-Zeit noch keine so ausgeprägte Trennung zwischen “White Hat” und “Black Hat” Hackern gab. Ich war mir da zeitweise nicht mehr sicher, vor allem als Julius Mittenzwei im TOR-Vortrag auch noch sagte, dass der CCC ja “keine Straftaten decken” wolle, oder so ähnlich. Das war ein erneuter Reality-Check für mich.
Aber unter anderem die Lektüre des Phrasenprüfers, eines der Bücher die ich mir dieses Jahr vom Büchertisch mitgenommen habe, hat mich dann doch wieder darin bestätigt, daß durchaus auch unter den Gründungs- und Führungspersönlichkeiten des CCC das Thema Verbreiten von Viren — und das nicht nur in Sourcecode-Form — zumindest offen diskutiert wurde. Das Buch “Schockwellenreiter” in dem es um eine durch Großrechner-Viren hervorgebrachte gerechte Weltordnung geht, war in der hamburger Anfangszeit des CCC ein Kultbuch.
Ich habe dann noch mal recherchiert, was der CCC so von sich gegeben hat als ich noch “aktiv” war… Und da fiel mir die Datenschleuder #36 von 1991 in die Hände. Das tat mir richtig gut. Nicht nur daß da minutiös drinnen steht wie man mit BlueBoxen illegal kostenlos telefoniert, nein auf Seite 2 gibt Andy auch noch eine Ermahnung zur Vorsicht beim Kreditkartenbetrug.
Kurz: Es wird auf der einen Seite immer legalistischer geredet, aber es wird einem auf der anderen bei jeder Gelegenheit pauschal kriminelle Energie unterstellt (z.B. Bändchen).
Was ist passiert?
Hat man am Ende irgendwann die eigene Propaganda vom rein altruistischen, legalistischen Hacker geschluckt? - Dazu noch mal ein paar offene Worte von Reinhard Schrutzki im Phrasenprüfer, S.74: “Niemand, den ich kenne, hat sich hingesetzt und gesagt, ich suche jetzt Sicherheitslücken, um die Betreiber zu warnen. Nada - hat’s nie gegeben. Das sagt man eventuell, um es letztendlich so darzustellen.”
Fazit
Es war dann insgesamt doch noch ein angenehmer Kongress. Insgesamt eine gute Erfahrung. Es war kein Vortrag dabei bei dem ich gesagt hätte: “Wow! Das hat sich jetzt echt gelohnt!”, aber insgesamt doch viele interessante Veranstaltungen. Weniger freakig, weniger bunt und ungemütlicher schien es mir insgesamt. Wohin der CCC driftet wird sich zeigen. Legalistische Bürgerrechtsvereinigung, oder vielleicht irgendwann in Zukunft doch wieder die Stimme des Undergrounds der Datenreisenden?
So long…

