Das bayrische Wahlgeheimnis (2. Update)
Von Loona. Veröffentlicht in computerszene, datenschutz, politik, welt am Montag den 13. Oktober 2008.Wahlvorsteher ließ Deaktivierung von Überwachungs-Kameras im Wahllokal nicht zu

Kamera in einem bayrischem Wahllokal
Dieser Bildausschnitt zeigt eine Szene aus einem Wahllokal in Münchberg im schönen Bayernland. Das zugehörige Originalbild habe ich vor ein paar Tagen das erste Mal bei Fefe gesehen. Allerdings leider ohne die lesenswerte Hintergrundgeschichte dazu:
Helmut Roewer war dem Aufruf des Chaos Computer Club: “Hacker zu Wahlhelfern!” gefolgt, und hatte sich bei der Gemeinde freiwillig gemeldet. Und so konnte er an der heurigen Land- und Bezirkstagstagswahl (ich berichtete) in der Funktion eines Beisitzers teilnehmen.
- Die Wahl fand in einer Sparkassenfiliale statt.
- Und in dieser befanden sich natürlich Überwachungskameras…
- …die zum Teil anscheinend auch noch in die Wahlkabinen hinein zeigten.
- Und leider wurden sie weder abgebaut noch irgendwie abgeklebt oder abgehängt.
Schließlich beschwerte sich ein Bürger bei dem frisch gebackenen Wahlhelfer über diesen unhaltbaren Zustand, und jener fragte darauf hin beim Wahlvorsteher nach ob er die Kameras abkleben dürfe, um die geheime Wahl des Bürgers – immerhin eines der essentiellen Grundrechte unserer Republik – zu gewährleisten. Zu seinem Erstaunen wurde ihm dies – auch nach mehrmaliger Nachfrage noch – vom Wahlvorsteher untersagt.
Zwar handelt es sich bei den Kameras angeblich um Attrappen, aber das ist unerheblich, weil es für den einzelnen Bürger nicht nachprüfbar ist, was ja wohl auch der Sinn einer solchen Attrappe ist; Und bei der Gewährleistung einer freien und geheimen Wahl geht es eben nicht darum, daß einem irgendwelche Experten versichern, daß das mit der Wahl schon in Ordnung gehe, und man das als Bürger dann zu glauben hat; Sondern darum daß das für jeden den es ernsthaft interessiert nachvollziehbar ist. — Was nebenbei gesagt auch ein wichtgiges Argument gegen den Einsatz von Wahlcomputern ist.
Daß eine Bankfiliale einfach nicht der richtige Ort für eine Wahl ist zeigt vielleicht auch daß ein anderer Blogger dann auch noch einen konvexen Spiegel an der Decke entdeckte, der vielleicht noch ganz andere Einsichten ermöglicht eine bunte, runde Werbetafel der Stadtsparkasse endteckte. Was bitte sucht denn Produktwerbung im “Allerheiligsten der Demokratie”? Und wer weiß schon als Laie, ob in so einer Bank nicht auch noch verborgene Überwachungs-Infrastruktur versteckt ist. Ich würde das zumindest so machen, wenn ich die wäre. B-)
Roewer schreibt, die Wahl könne nur von einem der 186 Wähler angefochten werden, die im Stimmbezirk 3 in Münchberg wählen waren. Das Anfechten der Wahl hätte wohl auch mit Sicherheit Erfolg, jedoch besteht leider wenig Hoffnung daß es zu einer Anfechtung aus dem Kreis der 186 kommen wird. Da es jedoch sein kann, daß sich evtl. jemand wegen der Kameras nicht getraut hat dort zu wählen, oder vielleicht anders gewählt hat als er ursprünglich wollte, betrifft das laut einer anderen Meinung aber den ganzen Landtag, und damit alle Wahlberechtigten.
Update:
Was so ein Bißchen Öffentlichkeit doch nicht alles bewirken kann: Nachdem Helmut Roewer nun heute Morgen der Frankenpost ein Interview gegeben hat, werden endlich Nachforschungen angestellt, und siehe da: Es war tatsächlich keine Attrappe, sondern das wonach es aussieht: Eine echte Kamera, die die ganze Wahl mitgefilmt hat!
Den Münchberger Bürgermeister scheint das allerdings wenig zu beeindrucken: »Es sei korrekt gewesen, dem Wahlhelfer das Abdecken der Kamera zu verwehren. Denn hier handele es sich immerhin um sicherheitsrelevante Einrichtungen der Bank. (…) Das Wahlgeheimnis wurde mit Sicherheit nicht verletzt.« — Ja seit wann steht denn das Sicherheitsinteresse einer Bank über dem Interesse an einem verfassungsgemäßen Zustandekommen der Regierung?
Unser Entwurf für das Anschreiben nimmt auch langsam Formen an. Es wäre jedoch toll, wenn sich auch noch mal ein Jurist darüber hermachen könnte. Vielleicht findet sich ja jemand hier im Publikum? :)





