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Fremd sein 2: Zeit

Vorab kommt hier aufgrund einiger Anfragen ein kleiner Technik-Einschub: Falls du bisher den Eindruck hast, unsere Artikel brechen mittendrin ab, dann tippe nochmal auf die Überschrift und du kommst zum gesamten Artikel mit allen Bildern und mit einem Ende:)

Wir sind jetzt einen Monat in Indien. Manches ist mir vertraut geworden, wie der anmutige Gang der Frauen in ihren Saris, die Schreine für die Götter an jeder Ecke, die bunten Märkte und köstlichen Garküchen oder das holperige Fahrgefühl in den Tuktuks… An Einiges will ich mich nicht gewöhnen: lautes Hupen, speiende Männer.

Das Fremde bleibt spannend!

Langsam wird mir deutlich, wie tief die chronologische Zeit-Wahrnehmung mir in den Knochen sitzt! Mit welcher Selbstverständlichkeit ich davon ausgehe, dass etwas zu einem angegebenen Zeitpunkt tatsächlich beginnt. Und dass ein Ereignis auf das andere folgt im geordneten Nacheinander und in sortierten Ursache-Wirkungs–Verhältnissen.

Und wie oft wird es zeitlich eng bei mir, weil ich einen Punkt nach dem anderen abarbeite und Ungeplantes nicht vorgesehen ist, bzw. eher als Störung wahrgenommen wird.

Das Leben in einer linearen erlebten Zeitstruktur mit Anfang und Endpunkten scheint in Indien eher ein Randphänomen zu sein. Hier öffnen sich fließend Zeiträume, in denen sich etwas ereignen kann – vielleicht am ehesten, wenn der „stimmige Moment“ da ist. Also das, was die alten Griechen im Gegensatz zum „Chronos“ den „Kairos“ nennen. Es war und ist heute noch üblich, dass gläubige Hindus vor großen Ereignissen einen „Jyotish“-Kundigen befragen, wann die Planeten und Sterne eine passende Konstellation haben und die Gelegenheit für den Bau eines Hauses, eine Reise oder eine Hochzeit günstig sei.

Zeitwahrnehmung berührt die existenziellen Fragen nach Leben und Tod. Gibt es den Anfang mit der Geburt und das Ende mit dem Tod? Und dazwischen eine chronologisch verlaufende Zeit-Linie? Und verändert sich das Erleben von Zeit, wenn die Seele als unsterblich wahrgenommen wird und sich im ewigen Kreislauf des Lebens sich immer wieder verkörpert? Wie es für Hinduisten und Buddhisten selbstverständlich ist…

Vielleicht wird Zeit in Indien deswegen eher in ihrer zyklischen Qualität wahrgenommen und als ein Raum, der unbestimmt in den Dimensionen ist.

Es scheint ja niemanden zu wundern, wenn ein für 18:00 Uhr angesagtes Konzert erst eine knappe Stunde später beginnt, weil sich eben dann erst die wichtige Meisterin eingefunden hat. Oder wenn ein Büffet, das es ab einer bestimmten Zeit geben soll, gelegentlich tatsächlich genau dann auf dem Tisch steht, an anderen Tagen noch eine ganze Weile länger braucht, bis es so weit ist. Das „es“ ist wichtig in dem Satz, denn wann sich etwas ereignet, scheint nicht zwingend mit den handelnden Menschen zu tun zu haben, sondern mit der Gesamtheit der Umstände, die auf einen Zeitraum einwirken.

Während ich andauernd entscheiden muss, ob ich Zeit für etwas habe oder eben nicht habe, scheint es hier eher um ein „in der Zeit sein“ zu gehen und um die Gleichzeitigkeit…

Vieles in diesem Land wirkt auf mich so. Gebäude, in unterschiedlichen Stadien von Aufbau, bewohnt werden und Verfall, sind überall aufzufinden. Da ist der Rikschafahrer, der, während er sein Gefährt durch den Verkehr zieht, gleichzeitig lauthals am Handy spricht. Müll und Heilige, wandernde Kühe und hektischer Straßenverkehr, bröckelnde Gehwegkanten und frisch angepflanzte Bäume, Heiligenverehrung mit Blumenschmuck und digitale Bezahldienste, hier hat offensichtlich alles Raum.

Natürlich sind solche Gleichzeitigkeiten naheliegend in einem Land, das sich so rasch verändert. Und ich frage mich, ob eine zyklische Zeitwahrnehmung in diesem Entwicklungsprozess so etwas wie ein besonders tragfähiger Boden ist?

Und für mich? Ich lebe mich langsam in diesen anderen Modus ein, vielleicht eher ein Pendeln zwischen Chronos und Kairos. So genießen ich das Sein in weiten Zeiträumen sehr, Tage, die sich öffnen für alles mögliche…

UND

…wir haben doch schon die Reihenfolge der nächsten Reisestationen geplant. Denn: wer nicht früh genug bucht, bekommt keinen Platz mehr im Zug, sagt der Mobilitätsverantwortliche.

2 Kommentare

  1. Mo, Anke sagt

    Danke für eure interessanten und spannenden Reiseberichte. Die beiden Ausdrücke „in der Zeit sein“ und “ stimmige Moment“ haben mir besonders gefallen. Die Farben der Saris so schön und alle Fotos geben einen kleinen Einblick in ein mir unbekanntes Land. Ich lese eure Reiseberichte nicht nur einmal und große Freude ,dass ich euch so in Gedanken begleiten kann. Weiter gute Reise mit vielen neuen Erlebnissen und Erfahrungen

  2. Ich mag ja auch die Unterscheidung zwischen den Zukunftsbegriffen Futur (das Zukünftige) und Advent (das Kommende). Wir haben die Illusion, die Zukunft relativ stabil planen zu können über Termine, Verabredungen etc. Doch tatsächlich kommt ein Vielfaches an Geschehnissen auf uns zu, von denen wir nicht mal eine Ahnung haben, bevor sie geschehen. Und das was wir tun können: Im Jetzt aufmerksam sein und zupacken, um ein Geschehen nicht an uns vorbei ziehen zu lassen.
    Und dennoch bin ich gespannt und neugierig, wann ihr wohin zu fahren gedenkt 😉

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