Autor: Sabine

Angestottert in Laos

Seit fünf Tagen wohnen wir in Luang Prabang. Unsere Unterkunft liegt am Berg, man kommt nur zu Fuß hin oder alleine auf dem Moped mit Vollgas. Die Wahrheit ist, dieses Mal gelingt das Ankommen nur in Minischritten. Warum das so ist, weiß keine:r so genau. Wir bewegen uns durch die Stadt, der Funke zündet nur in Zeitlupentempo. Ja, es gibt viele berühmte buddhistische Tempel. Wir kommen pünktlich am Mittag zur Schließung. Finden eine Bank und sitzen auf dem leeren Platz. Ja, es gibt hier einen Morgen-Markt mit Gemüse, sehr bunt, sehr viel, sehr unbekannt. Und es gibt einen Nachtmarkt mit Kunsthandwerk, sehr viel, sehr schön, sehr voll. Ja, es gibt auch in Laos köstliches Essen und wir konnten in den letzten Monaten so viele verschiedene Küchen kennen lernen, Geschmacksabenteuer erleben…… und dennoch ereilt uns hier ganz unvermittelt ein heftiges kulinarisches Heimweh am späten Nachmittag. In etwa so: Tho: Ich könnte jetzt auf eine Stulle mit Salami! Bi: Und ich ein Vollkornbrot mit Käse! Und Tomaten. Tho: Oder ein Baguette. Oder Nudeln. Eine richtig gut gemachte …

3 x glauben: Ahnen, Bildung, Wohlstand

Wie nah können wir einem Land, einer Kultur, den Menschen auf unserer Reise kommen? Wie viel können verstehen, wenn wir gerade mal für einen Monat eintauchen? Mich beschäftigt immer wieder die Frage, woran Menschen hier glauben, welche Kräfte diese Kultur treiben und welche Werte? Und mir scheint, dass drei zunächst unterschiedlich anmutende Aspekte in Vietnam zu einer ganz eigenen kulturellen Mischung geführt haben. Da ist einmal die in der familiären Tradition tief verwurzelte Ahnen-Verehrung, dann – seit über einem Jahrtausend als Basis – der Konfuzianismus mit dem Glauben an die Kraft von Bildung und schließlich – aktuell sehr stark ausgeprägt – der Glaube an einen weiter wachsenden Wohlstand.  Über die Ahnenaltäre in den Wohnungen und Häusern habe ich schon in dem Beitrag über das Neujahrsfest geschrieben.  Zur Ahnenverehrung gehören auch die Friedhöfe und die schön gestalteten Gräber, die zum Teil mitten in den Reisfeldern liegen, immer nach Osten ausgerichtet, so dass die Verstorbenen der aufgehenden Sonne entgegen blicken können. Zum Neujahrsfest werden die Gräber mit Blumen geschmückt und Räucherkerzen angezündet. Während die Ahnenverehrung eine Verbindung …

Kostbare Schönheit

Kein Stoff fasziniert mich so sehr wie Seide. Während meiner Ausbildung zur Schneiderin habe ich am liebsten Hemden und Blusen aus diesem Material genäht. Seide fühlt sich speziell an, sie hat einen „kostbaren Griff“, würde ich sagen, einen ganz eigenen Klang – das Rascheln von Seide – und auch einen besonderen Duft, wenn man sie bügelt (einen Gruß an meine Freundinnen aus der Schulzeit in der Schneiderei, ihr erinnert euch sicher daran). In Hoi An gibt es eine lange Seiden-Herstellungsgeschichte. Vielleicht nicht die knapp 5000 Jahre, auf die China zurückblicken kann, aber immerhin wird hier seit 300 Jahren Seide produziert. Und dazu braucht man eine ganze Menge. Zu allerersteinmal natürlich die Seidenraupen, vielmehr deren Kokons. Und da die Seidenspinner nur Maulbeerbaumblätter fressen, natürlich auch die Kultur der entsprechenden Bäume. 20’000 Raupen fressen rund 500 bis 600 kg Maulbeerblätter. Dafür sind 125 Maulbeerbäume notwendig. Im „Silk Village“ in Hoi An, das früher ein Handwerkerdorf war und heute zu einem Museum geworden ist, können wir den Weg von der Larve zum gewebten Stoff verfolgen. Anmerkung am Rande: …

Tet Nguyen Dan – das Fest des ersten Morgens

Mit „Tet Nguyen Dan“ beginnt in Vietnam das neue Jahr. „Tet“ heißt Fest und es gibt eine ganze Reihe in Vietnam, da dieses aber der wichtigste Feiertag ist, wird er einfach nur Tet genannt. Es ist ein beweglicher Feiertag, der sich nach dem vietnamesischen Mondkalender richtet. Den gibt es schon seit dem zehnten Jahrhundert. Wir haben also hier in Hoi An die Chance, noch eine andere Form von Jahresbeginn kennen zu lernen. Auf drei Phasen dürfen wir uns gefasst machen, die erste davon läuft bereits, die Vorbereitung, und das seit Wochen. Schon Anfang Januar haben wir uns in Hanoi gefragt, warum in manchen Geschäften merkwürdige, riesige Tüten mit goldenen und roten Pappschachteln und Zylindern verkauft werden. Warum überall kleine, bis mittelgroße Kumquatbäumchen und riesige Chrysanthemen am Straßenrand aufgebaut sind. Die Wahrheit ist: Wir haben erst vor einigen Tagen realisiert, was Tet ist und dass es dieses Jahr auf den 29. Januar fällt. Was nicht zu übersehen ist: die Häuser werden überall geputzt und geschmückt. Überhaupt wird alles gefegt, Autos und Motorräder werden gewaschen, Wände nochmal …

Es rundet sich…

… das vietnamesische Mondjahr. Und während ich mit dem Gedanken daran durch Hoi An gehe, fällt mir auf, wie viel runde Vollkommenheit in den Dingen darauf wartet, von uns gesehen zu werden. Und auch, wie oft eine kleine Delle wie ein Fingerzeig ist, eine Erinnerung oder eine Vorahnung, wie etwas rund gewesen ist oder noch werden kann.

Alles auf der Straße… Sidewalk Economy

In Hanoi wie auch in anderen Städten kann man in vielen kleinen Geschäften einkaufen, aber mindestens genauso prägend für die Atmosphäre in der Stadt sind die fliegenden Händlerinnen. Fast alles kann man bei ihnen finden, ob Putzartikel, Geschirr oder Kleidung, Obst, Gemüse oder Blumen. Die Fahrräder oder Wagen sind kunstvoll und ausbalanciert beladen, oft so hoch, dass man die Frauen kaum dahinter sehen kann. Die angebotene Ware soll umfassend und schön präsentiert werden. Im „Vietnamese Women’s Museum“ erfahren wir in einer Dokumentation, wie lang und anstrengend der Tag einer fliegenden Händlerin ist. Gegen 4 Uhr morgens machen sich die Obst- und Gemüsehändlerinnen auf den Weg zum Großmarkt um ihre Ware einzukaufen. Oder die Speisen werden zubereitet. Wenn es gut läuft – also wenn sie ausreichend verkauft haben – können sie am Nachmittag wieder zu ihrer Unterkunft zurückkehren. Häufig bestreiten die Frauen mit ihren Einkünften den Unterhalt der Familie, die oft außerhalb oder am Rande der Stadt wohnt und zu der sie nur in größeren Abständen heimkehren können. Wie viele Städte in Vietnam hat auch Hanoi …

Der Glockenturm

Im Frühstücksraum unsere Homestays hängen Bilder mit den Sehenswürdigkeiten der Umgebung. Darunter auch ein sehr schöner Turm. „You should see the belltower“, sagt unsere Lady. Das wollen wir. Eine Tagestour mit Rädern durch die herrliche Trang An Gegend. Tho gibt den Tourguide, wir fahren meist auf kleinen Straßen, gelegentlich Schotterwege, durch Dörfer und Weiler. Die Sonne scheint, Plastikplanen werden von den Reisschößlingen abgenommen, die Frauen stehen im nassen Feld und setzen den Reis. Eine friedliche Welt, hier und heute. Wir nähern uns dem Ziel, der Turm ist schon weithin sichtbar, irgendwann gelangen wir zu der Mauer, die das ganze Gebiet umgibt, große beeindruckende Tore, die aber alle geschlossen sind… Wo ist denn der Eingang? Was ist das überhaupt für ein Gelände? Wir kommen als Ahnungslose, vorbereitende Lektüre hat nicht stattgefunden. Also bleibt nur Staunen. Und da gibt es viel. Im Dorf neben dem Gelände weist uns jemand den Weg zum Eingang. Ein riesiges Tor mit Wachmann. Als Radfahrer:innen werden wir von ihm so durchgewunken. Und dann sind wir verloren. Breite Straßen, gesäumt von frisch angelegten …

Gartenliebe

Mit dem Fahrrad auf kleinen Wegen durch die Landschaft in Tràng An zu fahren, ist für mein Gärtnerinnenherz eine große Freude. Natürlich gibt es viel Landwirtschaft mit Reisanbau, auch wenn das, weil hier Winter ist, nicht danach aussieht, weil die jungen Setzlinge noch unter Plastikplanen vorgezogen werden. Dann gibt es hier Bäume und die dazugehörigen Früchte, die ich noch nie in echt gesehen habe. Besonders schön: der Jackfruchtbaum, ein echter Alleskönner! Bisher kannte ich die Frucht nur als Fleischersatz, wofür das Fruchtfleisch seit 2016 nach Europa exportiert wird. In Asien findet alles an diesem Baum Verwendung: aus dem Holz werden Musikinstrumente geschnitzt, die Nüsse der Frucht lassen sich geröstet essen, Das Fruchtfleisch passt zu Currys, unreif wird es zu Pickles verarbeitet. Und das Holz liefert gekocht den gelben Farbstoff für die Roben der buddhistischen Mönche. Blätter, Rinde, Wurzeln, Samen und Milchsaft werden zu Medizin verarbeitet. Und die pickligen Früchte sind richtig groß, man braucht Kraft und ein starkes Messer, um sie aufzuschneiden. Es beeindruckt mich, mit welcher Sorgfalt die Hausgärten angelegt sind und gepflegt werden. …

Wir sind viele…

Diese Sammlung von Lampen, gefunden in einer Gasse in Kolkatta war der Anfang für die Serie „Wir sind viele“. Es mag paradox klingen, aber es hatte und hat für mich etwas Entlastendes, wenn ich die Vielen von einer Sorte in ein Bild bannen kann – dann wird das Chaos, die Masse, das Unüberschaubare zum Muster oder zu einer Struktur. Und eine Schönheit entsteht in der Sammlung.

Architektur 5: Hanoi und das Röhrenhaus

Schmal und grazil reihen sich die Häuser in Hanois älteren Stadtteilen aneinander. Jedes Röhrenhaus ist mit der unterschiedlich gestalteten Fassade ein Individuum und zugleich Teil des urbanen Bautypus. Es heißt, dass im 19. Jahrhundert die französischen Kolonialherren die Steuern auf die Fassadenbreite eines Hauses angerechnet haben. Das führte dazu, dass die Häuser schmale Vorderseiten von 2,5 bis 4 m bekamen, dafür aber bis zu 50 m in die Tiefe des Blocks wuchsen. Im Erdgeschoss befinden sich zur Straße hin Werkstätten und Geschäfte, die teilweise fließend übergehen in Wohn-, Schlaf- und Wirtschaftsräume. Je nach Haustiefe folgen kleine Innenhöfe, die für weiteren Lichteinfall und Luftzirkulation sorgen. Nach hinten raus liegen Küche und Bad. Das Dachgeschoss hat oft eine überdachte Terasse. Häufig wurden und werden die Röhrenhäuser etagenweise von je einer Familie bewohnt oder das ganze Haus als Mehrgenerationenhaus, wobei die Familie dann oft im Erdgeschoss einen Laden oder eine Werkstatt betreibt. Das gilt insbesondere für die Altstadt von Hanoi, wo zwischenzeitlich die Bewohner:innendichte so hoch war, dass für jede Person nur 1.5 qm blieben. Wurde weiterer Platz …