Autor: Thorsten

Thiruvananthapuram North

Schön an unserer Reise ist, dass wir viel Zeit und oft keinen getakteten Plan haben. Ich mag das sehr. Kurz nach 12 Uhr trudeln wir mit dem Tuk-Tuk am Bahnhof Thiruvananthapuram North ein, dem zweitgrößten Bahnhof der Hauptstadt von Kerala. Also ganz im Süden von Indien. Unser Zug fährt erst um 16:45 Uhr. Wir haben also sehr, sehr viel Zeit. Der Bahnhof ist fast leer, es ist recht schwül, die Tuk-Tuk-Fahrer machen ihre Mittagspause, die Züge stehen im Gleis, die Anzeigentafel ist ausgefallen und auch die Durchsage scheint nicht zu funktionieren. Nichts geht. Es hat was von „12 Uhr Mittags“. Es ist, kaum zu glauben in Indien, STILL! Wir hören ganz leise die Brandung des Meeres. Vor dem Bahnhof gibt es Soda Lemon: eiskaltes Soda (nur im fortschrittlichen, kommunistisch regierten Kerala aus der Pfandflasche) mit einem Schuss Limette. Sehr lecker. Bi schreibt an ihrer Reisenotiz über den Reis. Ich schlendere durch den Bahnhof. In der Regel konkurrieren in Indien Millionen von jungen Bewerber:innen um schlecht bezahlte Stellen, die die Regierung anbietet, etwa bei der Eisenbahn. …

Drumherum

Heute ist unser letzter Tag in Udaipur. Wir waren 10 Tage hier, es wird Zeit vom Drumherum zu erzählen. Dem Drumherum vom Lalghat Haveli, unserem Hotel. Gleich um die Ecke ist das Gangaur Ghat. Dort am Seeufer lassen sich angehende Hochzeitspaare in traditionell festlicher Kleidung von professionellen oder zumindest sehr engagierten Fotografen ablichten. Hochbetrieb, bis zu acht Paare gleichzeitig. Die immer gleichen gestellten Posen, bei aufgehender oder untergehender Sonne, durch einen Taubenschwarm gehend. Die Tauben werden ständig gefüttert, damit sie nicht abhauen, was sie recht fett macht. Wir sitzen gerne auf einer Bank und beobachten das Treiben. Welche Paare passen zusammen? Wo bestimmt die Frau, wo der Mann? Ist die Kleidung gut abgestimmt? Was soll denn die Pose? So ein bisschen wie Statler und Waldorf. Und abends ist an gleicher Stelle dann Party. Nebenan hat ein Paar aus Gujarat vor einem Jahr ein Restaurant eröffnet. Das „Nagar Restaurant“ hat sieben Sitzplätze, wenn wir uns dünn machen. Es gibt Parathas zum Frühstück, Mittag- und Abendessen, in drei Variationen, nicht mehr, aber die haben es in sich. …

Fließend

Ok, Udaipur ist nicht Kolkata oder Jaipur. Alles eine Nummer kleiner, aber das Prinzip habe ich hier in Udaipur verstanden oder besser erfühlt. Man muss sich reinstürzen in den Verkehr und sofort fließt man mit. Es gibt keine Regeln oder besser: wir halten uns an keine, außer der, dass man links fährt. Meistens. Selbst auf der Autobahn machen wir da schon mal eine Ausnahme. Wir haben Spaß miteinander, selbst oder gerade wenn geschimpft wird, weil es nicht weitergeht. Und natürlich wird dann gehupt. Ein kurzer gemeinsamer Aufreger, große Gesten. Das mit den Gesten traue ich mich noch nicht. Am Ende löst sich alles in Wohlgefallen und ein Lächeln auf. Wir weichen mit Freude aus, der pissenden Kuh oder ganzen Kuhherden, den abgrundtiefen Schlaglöchern und uns. Wichtig ist dabei eine gewisse Geschmeidigkeit, der Fahrfluss darf nicht unterbrochen werden. Der periphere Blick ist dabei gefordert. In Udaipur gibt es wohl nur eine Ampel, an einem großen Kreisel. Dort stehen wir zu acht nebeneinander auf zwei Spuren, vor allem Mopeds und Tuk-Tuks, ein paar Autos. Kurz bevor es …

Hotel Paramount Palace

Das kleine Pushkar liegt um einen See im Vorland der Wüste Thar im Aravalligebirge. Die Stadt ist indienweit bekannt als heiliger Ort. Jede/r Hindi sollte in seinem Leben den einzigen Brahma Tempel in Indien besucht haben, hier in Puskhar. Hier treffen Gläubige, Tourist:innen und internationale Freaks aufeinander. Heiligkeit neben Yoga, Raves und Kameltouren in der Wüste. Der Ort ist auch ein Basar. Überraschend schöne Produkte in den Gassen: Schmuck, Kleider, Hemden, Taschen, Hosen, Tücher. Westliche Wiederverkäufer. Restaurants, Hotels, Cafés, sogar ein französisches mit Croissants. Wir verbringen hier sieben Tage und Nächte, in erster Linie oben in unserem „Hotel Paramount Palace“. Das Paramount liegt über der Stadt, „the best view in town“ steht am Eingang, hoch am Hang gelegen, ein verwinkeltes Haus, enge Treppen, Zimmer mit kleinen Balkonen, Rundbögen und Säulen. Die Wände leuchtend blau, grün, pink und orange gestrichen. Die Dachterrasse mit schönen und kitschigen Tüchern abgehängt. Hier sind wir eigentlich immer und die einzigen Gäste. Hier chillen, spielen (unser sehr ernsthafter Scrabblewettbewerb hat begonnen, ich führe 2:1) und essen wir. Der erste Ort der …

Vergangenheit – Gegenwart

Sashi Tharoor (geb. 1956) hat 2016 eine Abrechnung mit der Kolonialherrschaft der Briten veröffentlicht. Die Grundthesen seines Buches „Zeit der Finsternis“ hat er vor neun Jahren in einer Rede formuliert, die millionenfach geklickt wurde und in Indien mittlerweile Schulstoff ist. Diese 15 Minuten (auf englisch) lohnen sich: https://youtu.be/f7CW7S0zxv4?si=KyYnRwWCvT9a_i08 Zweimal war ich bisher außerhalb von Europa. Mit meinem Sohn Levin in Namibia und jetzt in Indien, beides Länder mit heftiger kolonialer Vergangenheit. In Namibia schien uns der Völkermord an den Hereros und Namas Teil der aktuellen politischen Diskussionen im Land zu sein: Die Zahlung von Reparationen bzw. Wiederaufbauhilfen durch Deutschland, die Rückführung von Raubkunst, die Rückführung von Gebeinen, die Entschuldigung von Deutschland durch Bundespräsident Steinmeier und die Anerkennung des Völkermordes. Die historische Bewertung der brutalen deutschen Herrschaft schien uns dabei im wesentlichen unstrittig. In Indien scheint der öffentliche Diskurs an einer anderen Stelle zu stehen. Sashi Tharoor beschreibt die Folgen der britischen Herrschaft in Indien zwar nicht grundsätzlich neu, aber die Wucht ihrer Zerstörung und Vernichtung. Er wendet sich gegen Betrachtungen, die immer wieder die positiven …

Es ist ja ein neuer Tag

In Jaipur übernachten wir mehrere Tage im Chillout oder genauer: „Chillout – Hotel & Rooftop – Vegetarian Restaurant“ Das Hotel hat 16 Zimmer, einen Rooftop, 8 Mitarbeiter, keine Mitarbeiterin und einen Manager, der heißt Achid. Hochsaison ist von November bis März, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liegt bei 2 Tagen, die Wäschereinigung ist outgesourct. Interessieren würde mich jetzt noch die PKQ, der SPS…Berufskrankheit. Tok-Tok-Check-Check. Achid interessiert sowas weniger. Er ist „Host & Cook“, „Host & Cook!“ Jahrgang 1988, ein gut aussehender Mann, er bewegt sich mit einer natürlichen Eleganz. Die Dachterrasse ist sein Revier, seine Bühne. Geht die Sonne über Jaipur unter, beginnt sein Auftritt und sein Konzert. Er spannt über den gesamten Abend einen musikalischen Bogen, mal Michael Kiwanuka oder Gregory Porter, mal Hindisound. Mal auch zu laut, wie immer in Indien. Die Sonne verschwindet gegen 5 über Jaipur, begleitet von Man o To „Nu“. Achid geht von Tisch zu Tisch und bringt einen Chai mit. Es ist ja noch später Nachmittag. Hier ein Gespräch, dort eine Geschichte über Jaipur. Ein lässiger flow. Mal sitzt er …

Für Ben, Michael und alle weiteren Kulinarix

Mittags an einer Hauptstraße in Jaipur, angenehme trockene 30 Grad, wolkenloser Himmel sowieso. Eine Garküche nach der anderen steht am Straßenrand. Hier in Jaipur ist fast alles vegetarisch. In unserem Hotel ist der Fleischverzehr untersagt. Das war in Kolkata anders. Hochbetrieb. An einigen Ständen stehen deutlich mehr Frauen, an anderen mehr Ältere. Es gibt eindeutige Präferenzen. Man wählt aus. Wir entscheiden uns für zwei Jungs, die mit der Hand einen Kartoffelbreikloß formen und diesen frittieren. Danach wird er zerkleinert, darauf kommen zwei Soßen und aus einem kleinem Gefäß noch ein Esslöffel einer dunklen Flüssigkeit (mir scheint sie ist das Geheimnis), frische Zwiebeln und Koriander. Das alles geht schnell, in 30 Sekunden haben wir unsere Schalen in der Hand. Der absolute Hammer: das Krosse zusammen mit dem Kartoffelbrei, der die Soßen aufzieht. Die Schärfe genau richtig für die Hitze und dieser Duft vom Koriander. Und so geht das dann weiter. Die nächste Variante ist deutlich milder, Anis, ein Hauch von Kardamon. Curry. Während in Kolkata und Patna eigentlich kein internationaler Tourismus existiert, hat man hier in …

Zeitungslektüre 2: In der Luft

The Times of India vom 14.11.2024. Jaipur: Der Jaipur International Airport hat vorgestern 17.768 nationale und 1.949 internationale Fluggäste verzeichnet, das war der „highest single-day traffic ever“. Jaipur: Wegen Smog in der National Capital Region (NCR) mussten gestern neun Flüge auf dem Weg nach Delhi nach Jaipur umgeleitet werden. Die Fluggäste beschweren sich in den sozialen Medien: „Wir stecken seit 4 Stunden im Flug QP 145 fest. Wir dürfen in Jaipur nicht aussteigen. Wir leiden im Flugzeug. Wir wollen was essen.“ In den letzten 12 Monaten haben die indischen Fluggesellschaften 1.700 Flugzeuge bei Airbus und Boeing bestellt. In den letzten 10 Jahren hat sich die Anzahl der regionalen Flughäfen von 70 auf 140 verdoppelt… Der Luftqualitätsindex AQI misst Ozon, Feinstaub, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid und Stickstoffoxid. Er liegt heute in Jaipur bei 193 (ungesund) in Delhi bei 457 (gefährlich). Die Skala reicht nur bis 500.

Die 27-Stunden-Erfahrung

Bi ist für unsere Unterbringungen verantwortlich, ich für unsere Mobilität, so der Deal. Von Patna bis nach Jaipur sind es etwas über 1.000 Kilometer. Da alle Züge ausgebucht sind, fahren wir mit dem Bus. Ich habe einen A/C Sleeper für uns gebucht, einen Schlafbus mit Klimaanlage. Riskant. Das kann für den Mobilitätsbeauftragten Abzüge in der B-, wenn nicht gar A-Note geben. Fazit vorab: es war eine Erfahrung. Da auf den Voucher unterschiedliche Abfahrtsorte angegeben waren, was dem Mobi-Beauftragten zu spät auffiel, standen wir zunächst am Rande einer sechsspurigen Ausfallstraße. Professionelle Mobis bleiben hier gelassen: Eben ein Tuk-Tuk finden und dem Fahrer den Weg durch Patna weisen, weil er die Schrift auf meinem Handy nicht lesen kann. Geht doch. Der richtige Abfahrtsort ist die Zentrale von „Panwar Travels“, eine abgerockte Garage. Auf dem Firmenschild zeigt mir Bi das Bild eines sehr modernen Busses. Der Bus kommt ca. 1 Stunde zu spät und vor uns steht ein Fahrzeug, das, nun ja, fährt. Was will man mehr. Was nun folgt, wiederholt sich später an jeder Einstiegsstation. Ein mächtiges …