Autor: Thorsten

Srijanee Banerjee und Applaus

Mit der Metro in den Süden von Kalkutta. Aus dem überklimatisierten Zug hoch ins feucht-schwüle Getöse und Gedröhne. Eine sechsspurige Straße im dunklen Abendverkehr will erstmal überquert sein. Dazu an anderer Stelle mehr. Wir suchen die ITC Sangeet Research Academy. Europäer fallen in Kalkutta sehr auf und suchende noch viel mehr. „Are you looking for the ITC?“. Mitten im städtischen Chaos wird uns Hilfe angeboten. Der Mann führt uns zu einer kolonialen Villa, ein Park, der obligatorische Wachmann, eine Oase. Das ITC fördert seit den 70er Jahren die traditionelle hinduistische Musik. Der obligatorische Chai zur Begrüßung. Rund 40 eher jüngere Menschen finden sich ein zu zwei Konzerten. Die Begrüßung findet auf Englisch statt, weil „zwei ausländische Gäste“ im Raum sind. Zum ersten Konzert nur kurz: Alle sitzen, das Licht wird runter gedimmt, die letzten Gespräche klingen aus. Das Konzert könnte beginnen. Aus einem Seiteneingang tritt eine ältere Frau im Sari ein. Ein Raunen geht durch den Saal. Ein Raunen, das man nicht hört, aber sieht. Guru, die Meisterin oder die Lehrende. Verneigungen, Niederknien, ihre Füße …

Dunkel

An jeder größeren Straße reihen sich in unserem Viertel die Verkaufsstände aneinander. An der Häuserseite sind kleine Geschäfte, an der Strassenseite liegen die Waren oftmals auf dem Boden oder in Holzständen. Zwischen den Ständen links und rechts bleibt ein schmaler Gang. Und das auf beiden Straßenseiten. Kilometerlang mit nur kleinen Unterbrechungen. In regelmäßigen Abständen führen kleine Gassen in ein Labyrinth von weiteren Ständen, in die Hinterhöfe. Es hat eine Weile gebraucht, bis wir uns in diese getraut haben. Aber dann: Der Zugang ist noch hell von der Straße. Dann wird es dunkler, stickig, es riecht nach.., riecht nach…Blut. Ein kleiner Schlachthof im Hinterhof. Hühner in Käfigen, in einem furchtbaren Zustand. Es wird auf Bestellung geschlachtet. Keine Kühlung, kein Ventilator. Getrocknetes Blut. Im Dunkeln springen die Ratten. Junge Männer in kurzen Hosen und Latschen machen gerade eine Pause. Und ich habe den Eindruck, dass Menschen, die mit Fleisch hantieren, hier einen besonderen Stolz ausstrahlen. Als sei auch nur der Umgang mit Fleisch grundsätzlich ein Anteil am Wohlstand. Und: In den wenigen Restaurants sind Fleischgerichte in der …

Tamasha von oben

Jeder fünfte Mensch lebt in Indien. Die Wirtschaft wächst jährlich um gut sechs Prozent. Der indische Energiebedarf wird sich zwischen 2020 und 2035 verdoppeln. 600 Millionen Menschen in Indien sind jünger als 25 Jahre. 60 Millionen Jugendliche suchen einen Job und jeden Monat drängt eine weitere Million auf den Arbeitsmarkt. Es gibt hier 100 Sprachfamilien…. Wir sind in Kolkata. Wir leben in einem winzigen Häuschen auf dem Dach, sechster Stock, große Terrasse. Blick über die Stadt, über den Stadtteil Belgachia im ärmeren Norden. Es ist 8 Uhr am Morgen, die Sonne ist schon seit über zwei Stunden da. 14 Millionen Menschen leben in dieser Metropolregion. Und nun beginnt ihr Tamasha-Konzert und steigert sich bis zum Mittag, von Minute zu Minute. Tamasha meint umgangssprachlich: Trubel, lärmendes Treiben voller Aufregung, wirres Durcheinander. Ich höre die Energie dieses Landes.