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Architektur 4: Wohnen in Tamil Nadu

Obwohl Tamil Nadu genau wie Kerala im Süden Indiens mit jeder Menge Monsunregen umgehen muss, ist die Architektur eine ganz andere. Egal ob auf dem Land oder in der Stadt, alle neueren Häuser haben Flachdächer, die Dachterassen sind wegen des Regens vermutlich mit Abflussmöglichkeiten ausgestattet. Auf dem Land kann man noch die traditionelle Bauweise mit Palmblättern bei kleinen Wohnbehausungen sehen – und nur bei diesen Gebäuden finden sich Satteldächer, bei denen der Regen gut ablaufen kann. Die Dächer erinnern an unsere Reetdächer. Es gibt auch aus Kokospalmwedeln kunstvoll geflochtene Wände und Dächer. Diese Dächer halten nicht ewig, aber wir sehen auf unseren Fahrten übers Land entweder den Verfall oder das Abdichten durch übergezogene Plastikplanen oder durch Wellblechdächer.Vermutlich wird diese Form der Hausbaukunst verloren gehen. Typisch für die Wohnbauten in und um Pondicherry ist die Freude der Bewohner:innen an kräftigen Farben. Stadtviertel wie Dörfer wirken freundlich, bunt und einladend. Durch die 1 – 5 Treppenstufen gibt es einen halböffentlichen Raum, der als Begegnungsort in den etwas weniger heißen Spätnachmittagsstunden gerne genutzt wird. Häufig wird unter der …

Wo der Pfeffer wächst

Kurz vor Weihnachten erreicht mich aus Bayern eine Nachricht, mit Folgen. Meine Kollege Michael und seine Frau schreiben: „Kurzer Nachtrag noch: Pondicherry – dort gibt es einen der besten Pfeffer der Welt“. Mit dieser Nachricht beginnt eine kleine und wunderbare Odyssee. Ist das dieser Pfeffer, der die obige der drei Saucen vor uns so köstlich prägt? Ist der rot? Wie sieht eigentlich eine Pfefferpflanze aus? Wo wächst der Pfeffer? Fragen über Fragen. Auf Nachfrage schreibt mir Michael: „Bei uns unter Pondicherry-Pfeffer bekannt. Halte nach den roten Beeren Ausschau. Hier einer der teuersten Pfeffersorten, die es gibt“. Wir machen uns am nächsten Tag auf den Weg, mit dem Moped in das Hinterland von Pondicherry. Auf der Suche nach dem „Pondi-Pfeffer“. Wir fahren früh los. In der Nacht hat es geregnet und es ist bedeckt. Düfte in der frischen Luft, sobald wir aus der Stadt sind. Kaum Plastikmüll. Die Menschen sind auf den Straßen. Eine berührende fröhliche Atmosphäre, überall winkt und ruft man uns zu. Ein Fest am Dorftempel: Junge Männer malen ein kommunistisches Graffiti an die …

Auroville – eine Annäherung

Ein Experiment, wie Gemeinschaft gelebt werden kann, das ist Auroville. Eine wachsende Stadt, in der heute etwa 3500 Bewohner:innen aus über 60 Ländern leben – jedes Jahr kommen etwa 100 neue hinzu. Die besondere Kraft und Stille im Matrimandir konnten wir ja schon bei unserem ersten Besuch genießen, auch die umliegenden Gärten und den riesigen Banyan-Baum. Jetzt sind wir mit unserem Moped noch mal hin gefahren, um weitere Eindrücke zu sammeln, was gar nicht so leicht ist, denn das Gelände ist weitläufig und die Aurovillianer:innen wohnen in kleinen verstreut liegenden Siedlungen. Es gibt keine Grenze, keine genaue Ausschilderung, wo Auroville beginnt. Vermutlich sind wir immer im Gebiet der Gemeinschaft, wenn es keinen Müll und solide bis architektonisch anspruchsvoll gebaute Häuser gibt. Aber noch mal kurz an den Anfang zurück: Sri Aurobindo, indischer Philosoph, Politiker, Mystiker und Yogi gilt als geistiger Vater von Auroville. In seiner Gesellschaftstheorie entwickelte er die Idee einer „universellen Stadt“. Seine Vision: persönliche spirituelle Entwicklung und ein solidarisches Miteinander, in dem Nation, Geschlecht, Religion und Geld keine Rolle spielen sollen. Mirra Alfassa …

Ein Experiment…

Falls du gerade viel zu tun hast und den Beitrag mal eben zwischendrin lesen wolltest, wäre ein Moment mit etwas Raum und Zeit besser geeignet. Ich würde ausnahmsweise gerne mal mit einem Experiment starten. Und dafür bräuchte es eine kleine gedankliche Aktivität von dir. Mal angenommen du wärst Architekt:in und würdest jetzt in deiner Vorstellung einen Raum entwerfen, in dem es dir möglich ist, dich vollkommen zu konzentrieren. Also einen Ort, an dem du sein kannst und es in dir still wird. Kannst du dieses Gebäude in deiner Vorstellung einmal entstehen lassen? Wie geht der Weg dorthin und wie betrittst du diesen Raum? Wie ist er? Wie groß stellst du ihn dir vor? Welche Form hat er und aus welchem Material ist die Begrenzung des Raumes? Wie ist der Innenraum ausgestaltet? Wie ist das Licht? Wie ist die Luft und welche Temperatur fühlst du? Was würde noch dazu beitragen, dass du dich in diesem Raum vollkommen konzentrieren kannst? Wenn du ein inneres Bild hast, dann geht es jetzt noch einen Schritt weiter: Mal angenommen, dieser …

Indian Coffee House

Davon berichteten gestern The Indian Express, Times of India, The Hindustan Times, NDTV, also eigentlich alle: Diljit Dosanijh besucht das „Indian Coffee House“ in Kolkata. Dosanijh ist Sänger, Schauspieler und Producer, hier ein Superstar. Innerhalb von Minuten war seine Tour durch Indien ausverkauft. Danach geht es weiter nach Europa. London, Paris, die großen Arenen. Der Star der Gegenwart besucht das altehrwürdige „Indian Coffee House“ in Kolkata. Das hat in Indien einen Symbolcharakter, auch einen politischen. The Indian Express erläutert in einer Kolumne „how the Indian Coffee House brewed the politics of revolution“. In den Indian Coffee Houses fanden immer wieder Andersdenkende Zuflucht im Schatten autoritärer Herrschaften. Im 18. Jahrhundert öffneten im heutigen Chennai (Madras) und Kolkata (Kalkutta) die ersten Kaffeehäuser. Der Zutritt war Indern, Inderinnen sowieso, untersagt. Ende des 19. Jahrhunderts entstand dann die Idee einer „INDIAN-Coffee-House“- Kette, die erste Filiale eröffnete 1936 im heutigen Mumbai (Bombay) und kurz vor der Unabhängigkeit gab es in Britisch-Indien 50 Filialen. Mitte der 1950er Jahre sollten die Kaffeehäuser dann geschlossen werden, weil die politischen Rahmenbedingungen den Betrieb erschwerten. …

Kolams

Sie gehören zu Südindien, diese wunderschönen Kreis-symmetrischen Formen. Wir sehen sie vor vielen Hauseingängen auf dem Boden. Meist werden sie von Frauen morgens auf den frisch gereinigten Boden mit weißem Reismehl ausgestreut. Freihand natürlich. Die Zeichnung beginnt entweder im Zentrum wie bei obigem Kolam oder es werden Punkte gesetzt, die von einer oder mehreren regelmäßig plaufenden Linie umhüllt werden. Ich habe versucht, das folgende Muster einmal nachzuzeichnen, gar nicht so einfach! Die Frauen hier haben in der Regel ein großes Repertoire an unterschiedlichen Kolams, mit eingefärbtem Reismehl können auch farbige Muster gestaltet werden. Ein Kolam kann mehrere Funktionen haben. Es dient als Glücksbringer und Segen und zugleich als Abwehr gegen böse Geister. Die Punkte werden als Symbole für die Aufgaben des Lebens gedeutet, während die kunstvollen Linien die Lebensreise darstellen. Eine uralte, rituelle Handlung, in der eine kontemplative konzentrierte Kraft liegt und eine Schönheit zu unseren Füßen.

Glück: Masala Puri und Alu Puri

Gestern Abend sind wir in Kochi in den „Chennai-Express“ gestiegen, der uns durch die Nacht und durch Südindien gebracht hat, 700 Kilometer in zwölf Stunden, von Küste zu Küste. Eine großartige Reise im Schlafwagen. Von Chennai ging es dann in einem Elektro-Bus (!) weiter nach Pondicherry, unsere Station für die nächsten Tage. „Pondi“ war bis 1954 Hauptstadt von Französisch-Indien und gilt als kulinarische Hochburg. Was man halt so liest. Hier angekommen, haben wir das Gepäck in unserer Wohnung abgestellt und sind gleich wieder los, ein Moped und zwei eiskalte „Kingfisher“ besorgen. Unser erstes Bier seit Tagen, als Sundowner auf dem Balkon. Angekommen. Kurz duschen und dann geht es raus in die Gassen von „Pondi“. Gleich um die Ecke finden wir das Tulasi Bhavan. Ein Blick zwischen Bi und mir. Es zieht uns in diesen Laden. Es ist ein sekundenlanges Zusammenspiel der Sinne, das uns zu dieser Entscheidung bringt. Immer. Der Duft, die Menschen in der offenen Küche; die Gäste (keine Touristen); das fehlende Chichi, die Einfachheit; die Freude und Neugier der Crew, wenn sie uns …

Serie: Sowiesiesind

Neue Kontexte eröffnen die Gelegenheit, sich selbst neu zu erfinden oder immerhin andere Seiten an sich zu entdecken. Genauso gilt: egal, wie weit oder wohin die Reise geht, die „Sowiesiesind“ bleiben offensichtlich immer mit an Bord. Lediglich die Einfluss-Stärke scheint je nach Situation oder Lebensalter etwas zu variieren.