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Der zweite Blick auf Kerala – Landkrank

Kerala ist ein Paradies oder war ein Paradies. Jetzt kommt sie wieder, die Beschreibung der ökologischen Krise, die Mahnung, die Apokalyptik und die Schulzuweisungen. Wie so oft, dass ich es eigentlich nicht mehr hören, lesen und hier schreiben will. Wir wissen doch darum, oder? Außerdem bin ich verstrickt mit der Krise hier, es gibt kein Außerhalb der Probleme. Keine unbeteiligte Beobachtung, die in diesem Blog auftauchen kann, denn die Spuren meines Tuns und Seins sind offensichtlich, hier in Kerala und auf unserer gesamten Reise. Überall sehen wir die Folgen unseres Tuns, als Menschen aus dem reichen Westen und als Touristen hier vor Ort. Einmal Indien hin und zurück – und meine persönliche Klimabilanz ist durch den Flug für Jahre versaut. Egal, ob ich mich vegan ernähre und Second-Hand-Klamotten kaufe. Und dann landen wir in Kolkata, die Luftverschmutzung dort erschwert uns das Atmen, die Sonne ist vor Dreck nicht sichtbar und der Zyklon „Dana“ fegt über Westbengalen hinweg: Starkregen, Evakuierungen, Schulschließungen. Das waren unsere ersten Tage in Indien. Die verstörenden Folgen auch meines Tuns also. Es …

Im Spiegel…

Sehen und gesehen werden geschieht bei dieser Reise auf ganz unterschiedliche Weise. Da sind zunächst und andauernd die Blicke der anderen in diesem fremden Land; eine solche Wucht von betrachtenden Augen, dass ich anfangs manchmal unsichtbar sein wollte, weil ich nicht wusste, wie ihnen begegnen. Jetzt bin ich vertrauter und wechsle Blicke mit allen, die mir entgegenkommen. Kinder und alte Menschen schauen am unmittelbarsten, meist fließt ein Strahlen über das ganze Gesicht, ein Lächeln, das wir uns gegenseitig spiegeln. Dann werde ich immer wieder von Indern und Inderinnen gefragt, ob sie ein Foto mit mir machen dürfen. Bis heute habe ich nicht verstanden, warum das so ist. Eigentlich werde ich nicht gerne fotografiert, mag aber keine Bitte abschlagen und stelle mich also zur Verfügung für diese Bilder. Keine Ahnung, ob sie dann in den sozialen Medien landen oder wozu sie den Inderinnen sonst dienen könnten. Manchmal macht Tho dann Fotos von den Fotos, die von uns gemacht werden. Die dritte Ebene betrifft meinen Blick auf mich selbst, in der Welt der Fotografie entsprechen dem die …

Architektur 3: Wohnen in Kerala

Die Architektur ist hier ganz anders als in Rajasthan. Typisch für Kerala sind die Häuser mit Satteldach. Die Bauweise mit großen Veranden und den schrägen Dächern ist speziell darauf ausgelegt, dem starken Monsunregen standzuhalten, der für diese Region in Südindien charakteristisch sind. Mal zu besseren Vorstellung: Während es in Bremen pro Jahr etwa 1000 mm Niederschlag gibt, sind es in Kerala im Durchschnitt 3000 mm von Ende Mai bis in den November. Meist ist das Dach lediglich auf Säulen gesetzt und gänzlich ohne Seitenwände. Wäsche wird dort getrocknet oder man trifft sich abends, wenn es lauschiger wird im Hängesitz und schläft vielleicht hier, um nur keinen frischen Luftzug zu verpassen. Unsere Wohnung in Kochi befindet sich tatsächlich auch in einem solchen Haus und wir nutzen die Dachterrasse zum Wäschetrocknen und zum Yoga machen. Mittlerweile finden sich bei neueren Bauten auf den Schrägdächern gelegentlich auch Sonnenkollektoren Insgesamt wird in Kochi viel gebaut. Von der Architekten-Villa bis zu Hochhäusern ist alles dabei. Von der Formensprache erinnern die Gebäude teilweise an Le Corbusier, der auch in Indien stilbildendend …

„Gods own Land“ – Kerala oder wie ein Beitrag doch zustande kommt

Wir sitzen bei Ahaliyas Bakery für einen Abschieds-Chai. „Worüber schreibst du denn gerade?“ fragt der Mann. Und ich gestehe ihm, dass mir für meinen Text noch der Fokus fehlt…“Ich würde so gerne über diesen Moment in der Kirche in Alappuzha schreiben, als mir überraschend die Tränen kamen… wie ich da stand und nicht so recht wusste, warum… Vielleicht, weil ich plötzlich meine Herkunft gespürt habe, das Vertraut-sein mit allen Bildern, die in dieser Kirche, in den Fenstermosaiken waren. Ich würde gerne schreiben, dass mich die biblischen Geschichten schon ewig nicht mehr so berührt haben, so einfach und direkt, wie sie hier erzählt werden, und dann noch das Abendmahl über dem Altar… wie ein heimatlicher Moment.“ Der Mann trinkt Chai. Wenig Miene. Ich versuche weiter, ihn zu überzeugen. „Ich möchte auch darüber schreiben, dass wir wegen dir hier sind und Kerala wirklich ein besonderer Bundesstaat ist. Nicht nur, weil er einer der am dichtesten besiedelten ist, wegen der höchsten Alphabetisierungsrate in Indien oder wegen der vielen guten Schulen oder der wirtschaftlichen Entwicklung oder, oder… sondern auch, …

Samensurium

Sie liegen am Strand, am Rand der Wege, unter Bäumen und Sträuchern. Samen, die mal was werden wollen. Oder andere Schönheiten. Ich bin sicher, sie wollen gesehen werden. In der klaren oder verschlungenen Form. Also kümmere ich mich darum. Hier sind sie. Vermutlich werden sie noch mehr.

Malabarküste

Bei Sonnenaufgang sind wir die letzten Tage mit einem kleinen Floß die wenigen Meter von unserem Homestay zum Strand gepaddelt. Wir sind derzeit ganz im Süden der Malabarküste, am Arabischen Meer. Kaum Tourismus, kaum Restaurants, kilometerlanger Sandstrand und Fischerei. Das Wasser ist warm, zu warm für die Jahreszeit. Natürlich auch hier, viele Probleme infolge des Klimawandels. Dazu an anderer Stelle. Jetzt nicht. Einfach ausblenden, weil es so schön ist, auf dem ersten Blick. Also heute nur der erste Blick. Die Fischer hier fangen Königsfisch, Makrele, Sardinen, Butterfisch, Seherfisch, Roter Schnapper, Tilapia, Granat, ab und zu einen kleinen Hai, sehr, sehr selten verfängt sich auch ein Walhai, den sie wieder freilassen. Und jetzt, früh am Morgen, warten sie darauf, dass die Kollegen zurückgekommen. Die kleinen Flöße gleich hinter der Brandung fangen mit ihren Netzen vor allem die Sardinen, die größeren Boote am Horizont den Rest. Die größeren Boote werden gemeinsam aus der Brandung gezogen, in einem Rhythmus der Männerstimmen, die Hilfe ist Ehrensache, und sofort geht der Fang in die Versteigerung auf dem Fischmarkt am Strand. …

Grüne Fülle

Es ist eine wunderbare Erholung für das Auge, aus dem Zugfenster blickend in unerschöpflichem Grün zu baden. Palmenstämme ragen zierlich aus dem grünen Wald, die hellgrünen Blätter der Bananenstauden leuchten und zwischendrin immer mal kleine Häuser, sie wirken wie zivilisatorische Reste am Rande, als bräuchte die Natur nur wenig Zeit, um alles zu überwuchern. Diese Vielfalt an Grüntönen und Pflanzenstrukturen umgibt uns auch im „Secret Homestay“ in Marari Beach in Kerala.

Holy, holy…

… so heißt das Fotoalbum, in dem ich seit Beginn unserer Reise Bilder von heiligen Orten und Momenten sammle, wobei Heiliges hier überall und andauernd stattfindet – nur ganz anders als ich es kenne. Selbst hier im Süden, am arabischen Meer, mitten in der Natur gibt es morgens um sechs Gesang in beachtlicher Lautstärke aus irgendeinem Tempel in der Nähe, der sich mit der Kakophonie der erwachenden Tierwelt zu einem Weckruf der ganz eigenen Art vermischt. Vermutlich ist die hinduistische Götterwelt die am stärksten bevölkerte der großen Weltreligionen. In den Veden ist von 3306 verschiedenen Göttern und Göttinnen die Rede. Okay, ich brauche ein wenig Orientierung und habe eine kleine Recherche gestartet. Falls du auch Lust auf göttliche Ordnung hast… Am Anfang von allem ist im Hinduismus Brahman, die Weltenseele, die als formloses unpersönliches Konzept gesehen wird, als Ursprung des Universums und des Seins. Das ist sehr abstrakt und so ist glücklicherweise die nächste Stufe konkreter und differenzierter: eine Trinität von obersten Göttern. Ja! Das klingt zunächst einmal vertraut für uns aus dem christlichen Kulturkreis, …

Thiruvananthapuram North

Schön an unserer Reise ist, dass wir viel Zeit und oft keinen getakteten Plan haben. Ich mag das sehr. Kurz nach 12 Uhr trudeln wir mit dem Tuk-Tuk am Bahnhof Thiruvananthapuram North ein, dem zweitgrößten Bahnhof der Hauptstadt von Kerala. Also ganz im Süden von Indien. Unser Zug fährt erst um 16:45 Uhr. Wir haben also sehr, sehr viel Zeit. Der Bahnhof ist fast leer, es ist recht schwül, die Tuk-Tuk-Fahrer machen ihre Mittagspause, die Züge stehen im Gleis, die Anzeigentafel ist ausgefallen und auch die Durchsage scheint nicht zu funktionieren. Nichts geht. Es hat was von „12 Uhr Mittags“. Es ist, kaum zu glauben in Indien, STILL! Wir hören ganz leise die Brandung des Meeres. Vor dem Bahnhof gibt es Soda Lemon: eiskaltes Soda (nur im fortschrittlichen, kommunistisch regierten Kerala aus der Pfandflasche) mit einem Schuss Limette. Sehr lecker. Bi schreibt an ihrer Reisenotiz über den Reis. Ich schlendere durch den Bahnhof. In der Regel konkurrieren in Indien Millionen von jungen Bewerber:innen um schlecht bezahlte Stellen, die die Regierung anbietet, etwa bei der Eisenbahn. …

चावल

… es ist ungefähr 6 mm lang, hat etwa 1,5mm Durchmesser und es wiegt 20 – 40 mg. Es ist unbegrenzt haltbar. Für über die Hälfte der Weltbevölkerung ist es lebensnotwendig. Alle Jahre wieder. In Indien wird es zweimal im Jahr in die Erde gelegt – und das seit 6000 Jahren. Feuchte Erde oder geflutete Erde. Es wächst, von 50 cm bis zu 1 m Höhe erreicht es und nach einem halben Jahr kann es mit der Sichel geerntet werden. Dann hat es sich vermehrt und aus dem einen sind viele geworden, bis zu 3000 an einer Rispe. Dann muss es getrocknet und gedroschen und meist auch geschält werden. Bis es schließlich in der Straße ankommt, in der unser Hotel sich befindet, in Trivandrum, Bundesstaat Kerala im Süden Indiens. Es wird auch das „Korn des Lebens“ genannt. Reis. In den Hallen sitzen die Herren an ihren Tischen und handeln mit Reis. An die 50 verschiedene Sorten hat unser Händler gegenüber. In den kleinen Schälchen aufgereiht, haben sie eine beeindruckende Vielfalt in Größe und Farbigkeit, dazu …