Alle Artikel in: Reisenotizen

Ein Experiment…

Falls du gerade viel zu tun hast und den Beitrag mal eben zwischendrin lesen wolltest, wäre ein Moment mit etwas Raum und Zeit besser geeignet. Ich würde ausnahmsweise gerne mal mit einem Experiment starten. Und dafür bräuchte es eine kleine gedankliche Aktivität von dir. Mal angenommen du wärst Architekt:in und würdest jetzt in deiner Vorstellung einen Raum entwerfen, in dem es dir möglich ist, dich vollkommen zu konzentrieren. Also einen Ort, an dem du sein kannst und es in dir still wird. Kannst du dieses Gebäude in deiner Vorstellung einmal entstehen lassen? Wie geht der Weg dorthin und wie betrittst du diesen Raum? Wie ist er? Wie groß stellst du ihn dir vor? Welche Form hat er und aus welchem Material ist die Begrenzung des Raumes? Wie ist der Innenraum ausgestaltet? Wie ist das Licht? Wie ist die Luft und welche Temperatur fühlst du? Was würde noch dazu beitragen, dass du dich in diesem Raum vollkommen konzentrieren kannst? Wenn du ein inneres Bild hast, dann geht es jetzt noch einen Schritt weiter: Mal angenommen, dieser …

Indian Coffee House

Davon berichteten gestern The Indian Express, Times of India, The Hindustan Times, NDTV, also eigentlich alle: Diljit Dosanijh besucht das „Indian Coffee House“ in Kolkata. Dosanijh ist Sänger, Schauspieler und Producer, hier ein Superstar. Innerhalb von Minuten war seine Tour durch Indien ausverkauft. Danach geht es weiter nach Europa. London, Paris, die großen Arenen. Der Star der Gegenwart besucht das altehrwürdige „Indian Coffee House“ in Kolkata. Das hat in Indien einen Symbolcharakter, auch einen politischen. The Indian Express erläutert in einer Kolumne „how the Indian Coffee House brewed the politics of revolution“. In den Indian Coffee Houses fanden immer wieder Andersdenkende Zuflucht im Schatten autoritärer Herrschaften. Im 18. Jahrhundert öffneten im heutigen Chennai (Madras) und Kolkata (Kalkutta) die ersten Kaffeehäuser. Der Zutritt war Indern, Inderinnen sowieso, untersagt. Ende des 19. Jahrhunderts entstand dann die Idee einer „INDIAN-Coffee-House“- Kette, die erste Filiale eröffnete 1936 im heutigen Mumbai (Bombay) und kurz vor der Unabhängigkeit gab es in Britisch-Indien 50 Filialen. Mitte der 1950er Jahre sollten die Kaffeehäuser dann geschlossen werden, weil die politischen Rahmenbedingungen den Betrieb erschwerten. …

Kolams

Sie gehören zu Südindien, diese wunderschönen Kreis-symmetrischen Formen. Wir sehen sie vor vielen Hauseingängen auf dem Boden. Meist werden sie von Frauen morgens auf den frisch gereinigten Boden mit weißem Reismehl ausgestreut. Freihand natürlich. Die Zeichnung beginnt entweder im Zentrum wie bei obigem Kolam oder es werden Punkte gesetzt, die von einer oder mehreren regelmäßig plaufenden Linie umhüllt werden. Ich habe versucht, das folgende Muster einmal nachzuzeichnen, gar nicht so einfach! Die Frauen hier haben in der Regel ein großes Repertoire an unterschiedlichen Kolams, mit eingefärbtem Reismehl können auch farbige Muster gestaltet werden. Ein Kolam kann mehrere Funktionen haben. Es dient als Glücksbringer und Segen und zugleich als Abwehr gegen böse Geister. Die Punkte werden als Symbole für die Aufgaben des Lebens gedeutet, während die kunstvollen Linien die Lebensreise darstellen. Eine uralte, rituelle Handlung, in der eine kontemplative konzentrierte Kraft liegt und eine Schönheit zu unseren Füßen.

Glück: Masala Puri und Alu Puri

Gestern Abend sind wir in Kochi in den „Chennai-Express“ gestiegen, der uns durch die Nacht und durch Südindien gebracht hat, 700 Kilometer in zwölf Stunden, von Küste zu Küste. Eine großartige Reise im Schlafwagen. Von Chennai ging es dann in einem Elektro-Bus (!) weiter nach Pondicherry, unsere Station für die nächsten Tage. „Pondi“ war bis 1954 Hauptstadt von Französisch-Indien und gilt als kulinarische Hochburg. Was man halt so liest. Hier angekommen, haben wir das Gepäck in unserer Wohnung abgestellt und sind gleich wieder los, ein Moped und zwei eiskalte „Kingfisher“ besorgen. Unser erstes Bier seit Tagen, als Sundowner auf dem Balkon. Angekommen. Kurz duschen und dann geht es raus in die Gassen von „Pondi“. Gleich um die Ecke finden wir das Tulasi Bhavan. Ein Blick zwischen Bi und mir. Es zieht uns in diesen Laden. Es ist ein sekundenlanges Zusammenspiel der Sinne, das uns zu dieser Entscheidung bringt. Immer. Der Duft, die Menschen in der offenen Küche; die Gäste (keine Touristen); das fehlende Chichi, die Einfachheit; die Freude und Neugier der Crew, wenn sie uns …

Der zweite Blick auf Kerala – Landkrank

Kerala ist ein Paradies oder war ein Paradies. Jetzt kommt sie wieder, die Beschreibung der ökologischen Krise, die Mahnung, die Apokalyptik und die Schulzuweisungen. Wie so oft, dass ich es eigentlich nicht mehr hören, lesen und hier schreiben will. Wir wissen doch darum, oder? Außerdem bin ich verstrickt mit der Krise hier, es gibt kein Außerhalb der Probleme. Keine unbeteiligte Beobachtung, die in diesem Blog auftauchen kann, denn die Spuren meines Tuns und Seins sind offensichtlich, hier in Kerala und auf unserer gesamten Reise. Überall sehen wir die Folgen unseres Tuns, als Menschen aus dem reichen Westen und als Touristen hier vor Ort. Einmal Indien hin und zurück – und meine persönliche Klimabilanz ist durch den Flug für Jahre versaut. Egal, ob ich mich vegan ernähre und Second-Hand-Klamotten kaufe. Und dann landen wir in Kolkata, die Luftverschmutzung dort erschwert uns das Atmen, die Sonne ist vor Dreck nicht sichtbar und der Zyklon „Dana“ fegt über Westbengalen hinweg: Starkregen, Evakuierungen, Schulschließungen. Das waren unsere ersten Tage in Indien. Die verstörenden Folgen auch meines Tuns also. Es …

„Gods own Land“ – Kerala oder wie ein Beitrag doch zustande kommt

Wir sitzen bei Ahaliyas Bakery für einen Abschieds-Chai. „Worüber schreibst du denn gerade?“ fragt der Mann. Und ich gestehe ihm, dass mir für meinen Text noch der Fokus fehlt…“Ich würde so gerne über diesen Moment in der Kirche in Alappuzha schreiben, als mir überraschend die Tränen kamen… wie ich da stand und nicht so recht wusste, warum… Vielleicht, weil ich plötzlich meine Herkunft gespürt habe, das Vertraut-sein mit allen Bildern, die in dieser Kirche, in den Fenstermosaiken waren. Ich würde gerne schreiben, dass mich die biblischen Geschichten schon ewig nicht mehr so berührt haben, so einfach und direkt, wie sie hier erzählt werden, und dann noch das Abendmahl über dem Altar… wie ein heimatlicher Moment.“ Der Mann trinkt Chai. Wenig Miene. Ich versuche weiter, ihn zu überzeugen. „Ich möchte auch darüber schreiben, dass wir wegen dir hier sind und Kerala wirklich ein besonderer Bundesstaat ist. Nicht nur, weil er einer der am dichtesten besiedelten ist, wegen der höchsten Alphabetisierungsrate in Indien oder wegen der vielen guten Schulen oder der wirtschaftlichen Entwicklung oder, oder… sondern auch, …

Malabarküste

Bei Sonnenaufgang sind wir die letzten Tage mit einem kleinen Floß die wenigen Meter von unserem Homestay zum Strand gepaddelt. Wir sind derzeit ganz im Süden der Malabarküste, am Arabischen Meer. Kaum Tourismus, kaum Restaurants, kilometerlanger Sandstrand und Fischerei. Das Wasser ist warm, zu warm für die Jahreszeit. Natürlich auch hier, viele Probleme infolge des Klimawandels. Dazu an anderer Stelle. Jetzt nicht. Einfach ausblenden, weil es so schön ist, auf dem ersten Blick. Also heute nur der erste Blick. Die Fischer hier fangen Königsfisch, Makrele, Sardinen, Butterfisch, Seherfisch, Roter Schnapper, Tilapia, Granat, ab und zu einen kleinen Hai, sehr, sehr selten verfängt sich auch ein Walhai, den sie wieder freilassen. Und jetzt, früh am Morgen, warten sie darauf, dass die Kollegen zurückgekommen. Die kleinen Flöße gleich hinter der Brandung fangen mit ihren Netzen vor allem die Sardinen, die größeren Boote am Horizont den Rest. Die größeren Boote werden gemeinsam aus der Brandung gezogen, in einem Rhythmus der Männerstimmen, die Hilfe ist Ehrensache, und sofort geht der Fang in die Versteigerung auf dem Fischmarkt am Strand. …

Holy, holy…

… so heißt das Fotoalbum, in dem ich seit Beginn unserer Reise Bilder von heiligen Orten und Momenten sammle, wobei Heiliges hier überall und andauernd stattfindet – nur ganz anders als ich es kenne. Selbst hier im Süden, am arabischen Meer, mitten in der Natur gibt es morgens um sechs Gesang in beachtlicher Lautstärke aus irgendeinem Tempel in der Nähe, der sich mit der Kakophonie der erwachenden Tierwelt zu einem Weckruf der ganz eigenen Art vermischt. Vermutlich ist die hinduistische Götterwelt die am stärksten bevölkerte der großen Weltreligionen. In den Veden ist von 3306 verschiedenen Göttern und Göttinnen die Rede. Okay, ich brauche ein wenig Orientierung und habe eine kleine Recherche gestartet. Falls du auch Lust auf göttliche Ordnung hast… Am Anfang von allem ist im Hinduismus Brahman, die Weltenseele, die als formloses unpersönliches Konzept gesehen wird, als Ursprung des Universums und des Seins. Das ist sehr abstrakt und so ist glücklicherweise die nächste Stufe konkreter und differenzierter: eine Trinität von obersten Göttern. Ja! Das klingt zunächst einmal vertraut für uns aus dem christlichen Kulturkreis, …

Thiruvananthapuram North

Schön an unserer Reise ist, dass wir viel Zeit und oft keinen getakteten Plan haben. Ich mag das sehr. Kurz nach 12 Uhr trudeln wir mit dem Tuk-Tuk am Bahnhof Thiruvananthapuram North ein, dem zweitgrößten Bahnhof der Hauptstadt von Kerala. Also ganz im Süden von Indien. Unser Zug fährt erst um 16:45 Uhr. Wir haben also sehr, sehr viel Zeit. Der Bahnhof ist fast leer, es ist recht schwül, die Tuk-Tuk-Fahrer machen ihre Mittagspause, die Züge stehen im Gleis, die Anzeigentafel ist ausgefallen und auch die Durchsage scheint nicht zu funktionieren. Nichts geht. Es hat was von „12 Uhr Mittags“. Es ist, kaum zu glauben in Indien, STILL! Wir hören ganz leise die Brandung des Meeres. Vor dem Bahnhof gibt es Soda Lemon: eiskaltes Soda (nur im fortschrittlichen, kommunistisch regierten Kerala aus der Pfandflasche) mit einem Schuss Limette. Sehr lecker. Bi schreibt an ihrer Reisenotiz über den Reis. Ich schlendere durch den Bahnhof. In der Regel konkurrieren in Indien Millionen von jungen Bewerber:innen um schlecht bezahlte Stellen, die die Regierung anbietet, etwa bei der Eisenbahn. …

चावल

… es ist ungefähr 6 mm lang, hat etwa 1,5mm Durchmesser und es wiegt 20 – 40 mg. Es ist unbegrenzt haltbar. Für über die Hälfte der Weltbevölkerung ist es lebensnotwendig. Alle Jahre wieder. In Indien wird es zweimal im Jahr in die Erde gelegt – und das seit 6000 Jahren. Feuchte Erde oder geflutete Erde. Es wächst, von 50 cm bis zu 1 m Höhe erreicht es und nach einem halben Jahr kann es mit der Sichel geerntet werden. Dann hat es sich vermehrt und aus dem einen sind viele geworden, bis zu 3000 an einer Rispe. Dann muss es getrocknet und gedroschen und meist auch geschält werden. Bis es schließlich in der Straße ankommt, in der unser Hotel sich befindet, in Trivandrum, Bundesstaat Kerala im Süden Indiens. Es wird auch das „Korn des Lebens“ genannt. Reis. In den Hallen sitzen die Herren an ihren Tischen und handeln mit Reis. An die 50 verschiedene Sorten hat unser Händler gegenüber. In den kleinen Schälchen aufgereiht, haben sie eine beeindruckende Vielfalt in Größe und Farbigkeit, dazu …