Monate: Januar 2025

Wir sind viele…

Diese Sammlung von Lampen, gefunden in einer Gasse in Kolkatta war der Anfang für die Serie „Wir sind viele“. Es mag paradox klingen, aber es hatte und hat für mich etwas Entlastendes, wenn ich die Vielen von einer Sorte in ein Bild bannen kann – dann wird das Chaos, die Masse, das Unüberschaubare zum Muster oder zu einer Struktur. Und eine Schönheit entsteht in der Sammlung.

Architektur 5: Hanoi und das Röhrenhaus

Schmal und grazil reihen sich die Häuser in Hanois älteren Stadtteilen aneinander. Jedes Röhrenhaus ist mit der unterschiedlich gestalteten Fassade ein Individuum und zugleich Teil des urbanen Bautypus. Es heißt, dass im 19. Jahrhundert die französischen Kolonialherren die Steuern auf die Fassadenbreite eines Hauses angerechnet haben. Das führte dazu, dass die Häuser schmale Vorderseiten von 2,5 bis 4 m bekamen, dafür aber bis zu 50 m in die Tiefe des Blocks wuchsen. Im Erdgeschoss befinden sich zur Straße hin Werkstätten und Geschäfte, die teilweise fließend übergehen in Wohn-, Schlaf- und Wirtschaftsräume. Je nach Haustiefe folgen kleine Innenhöfe, die für weiteren Lichteinfall und Luftzirkulation sorgen. Nach hinten raus liegen Küche und Bad. Das Dachgeschoss hat oft eine überdachte Terasse. Häufig wurden und werden die Röhrenhäuser etagenweise von je einer Familie bewohnt oder das ganze Haus als Mehrgenerationenhaus, wobei die Familie dann oft im Erdgeschoss einen Laden oder eine Werkstatt betreibt. Das gilt insbesondere für die Altstadt von Hanoi, wo zwischenzeitlich die Bewohner:innendichte so hoch war, dass für jede Person nur 1.5 qm blieben. Wurde weiterer Platz …

Schockverliebt

Im Zentrum von Hanoi verändert der Tourismus gerade das Gesicht der Stadt. Es wird zunehmend chick und hipp, glatt und teurer. Die Tourist:innen navigieren sich mit ihren Handys durch die Stadt, von hot spot zu hot spot, dabei immer in der Gefahr gegen den nächsten Lichtmast zu laufen. Das obligatorische Ritz-Charlton öffnet demnächst und diese mit Werbung beklebten Touristenzüge tingeln auch schon durch die Straßen mit quäkenden, aufgezeichneten, englischen Erläuterungen zum „See des zurückgegebenden Schwertes“. Und alle pilgern zu der berühmten, weil instagrammable, kurzen Bahnstrecke, wo die Züge durch die engen Gassen knapp an den Cafés vorbeifahren. Mittlerweile wegen Überfüllung allerdings problematisch. Aber nicht nur der Tourismus schlägt zu. Das kommunistische Vietnam befindet sich seit längerem in einer enormen wirtschaftlichen Wachstumsphase ähnlich dem ehemaligen chinesischen Modell. In Kürze: Wohlstand ohne Freiheit, so ist der Deal. In der Rangliste der Pressefreiheit liegt das Land auf den letzten Plätzen. Aber sie sind alle da: Gucci, Apple, KFC schon länger, Uniqlo, Shoppingmalls… Auffallend und nicht überraschend die vielen deutschen Limousinen der Oberklasse, die von den chinesischen Konkurrenz bekommen. …

Zwischenraum

Die Fahrer um die Ecke streiten sich, wer uns fährt. Ein letztes Mal das übliche Verhandeln: 200! 150! Mit dem Tuk-Tuk geht es dann zum Abfahrtsort in Pondicherry. Wir fahren von dort mit dem Elektrobus die drei Stunden nach Chennai und nehmen in der ersten Sitzreihe Abschied von Indien. Der Fahrer brettert über die Landstraßen und selbst die fetten SUVs „springen“ zur Seite. Und wie sagt man an dieser Stelle immer: „Die Landschaft zieht an uns vorbei“. Vor Chennai verstopfen sich die Straßen. Überall wird gebaut: Hochstraßen, Hochhäuser, Metrolinien…und abgerissen, um Platz zu schaffen für das Neue. In ein paar Monaten wird sich das Land sehr verändert haben. Wir nehmen die nagelneue und fast leere Metro zum modernen Flughafen von Chennai. Flughäfen sind ja neutrale Zwischenräume. Sie gehören zu keinem Land und dessen Kultur, sehen überall gleich aus. So eine Art Kathedralen und Wartehallen der Globalisierung, Verteilungsstellen. Mit unseren letzten Rupien bestellen wir an der leeren Bar zwei Bier, zwei „British Empire“, die ein halbes Vermögen kosten. Auf den Bildschirmen flimmert Fußball, indische Liga vor …