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Tempelnachmittag mit Kotztüte

An einem Nachmittag landen wir bei unserem Spaziergang durch Jaipur in einem weitläufigen Garten. Still ist es hier, als wäre die Stadt plötzlich verschwunden. Auf der Wiese im Kreis Karten spielende Männer und Affen. Ganze Horden. Eine weitläufige Tempelanlage am Rande des Gartens. Die Menge der Schuhregale verrät, dass sie groß sein muss. Wir betreten eine Halle, in der eine entspannte Atmosphäre herrscht. Zum ersten Mal seit ich in Indien bin ein Raum, in dem fast ausschließlich Frauen sind. Sie sitzen oder lagern gemütlich in Gruppen am Boden, plaudern, ruhen, zeigen sich gegenseitig ihre Einkäufe. Einige wenige auf Stühlen. Sieht so aus, als würde hier irgendwann eine Veranstaltung stattfinden. Ein junger dürrer Mann geht mehrfach zu den Frauengruppen und will, dass sie aufstehen und sich auf die Stühle setzen. Warum das sein soll? Sie lächeln ihn amüsiert an, aber es rührt sich keine. Der junge Mann holt einen dicken Priester dazu, der versucht Kraft seiner Autorität mehr zu bewirken, löst bei den Frauen aber auch nur die Frage aus, wozu sie umziehen sollen. Ein Mann …

Für Ben, Michael und alle weiteren Kulinarix

Mittags an einer Hauptstraße in Jaipur, angenehme trockene 30 Grad, wolkenloser Himmel sowieso. Eine Garküche nach der anderen steht am Straßenrand. Hier in Jaipur ist fast alles vegetarisch. In unserem Hotel ist der Fleischverzehr untersagt. Das war in Kolkata anders. Hochbetrieb. An einigen Ständen stehen deutlich mehr Frauen, an anderen mehr Ältere. Es gibt eindeutige Präferenzen. Man wählt aus. Wir entscheiden uns für zwei Jungs, die mit der Hand einen Kartoffelbreikloß formen und diesen frittieren. Danach wird er zerkleinert, darauf kommen zwei Soßen und aus einem kleinem Gefäß noch ein Esslöffel einer dunklen Flüssigkeit (mir scheint sie ist das Geheimnis), frische Zwiebeln und Koriander. Das alles geht schnell, in 30 Sekunden haben wir unsere Schalen in der Hand. Der absolute Hammer: das Krosse zusammen mit dem Kartoffelbrei, der die Soßen aufzieht. Die Schärfe genau richtig für die Hitze und dieser Duft vom Koriander. Und so geht das dann weiter. Die nächste Variante ist deutlich milder, Anis, ein Hauch von Kardamon. Curry. Während in Kolkata und Patna eigentlich kein internationaler Tourismus existiert, hat man hier in …

Himmel, Herrschaft, Haveli…

Früh morgens am 13. November fahren wir mit dem Bus nach Amber, dem Herrschaftssitz der Mogul-Dynastie seit dem späten 16. Jahrhundert. Das beeindruckende Fort liegt auf den Hügeln in der Nähe der Stadt und ist mit seinen rötlichen Mauern und prachtvoll geschwungenen Baldachin-Dächern eines der touristischen Highlights in dieser Gegend. Während wir noch im Dorf am Hang bei einem Lassi im Café sitzen, fahren jede Menge Jeeps mit Touristen an uns vorbei die Straße zum Fort hinauf.  Vielleicht doch noch einen Chai trinken? Und dann finde ich im Café ein Buch über Architektur und Stadtplanung von Jaipur und tauche ab… Als 1792 der Mogulfürst Jai Singh II den Brahmanen Vidhyadar beauftragt die Stadt Jaipur anzulegen, wendet dieser für die geplante Stadt das aus der fast 5000 Jahre alten vedischen Tradition stammende Gestaltungsprinzip des „Vastu Shastra“ an. Durch diese Bauprinzipien sollte die kosmische Ordnung eine irdische Analogie finden. Es gibt bei „Vastu Shastra“ Hinweise, wie ein Haus, ein Tempel, eine Stadt, angeordnet und ausgerichtet werden sollen. Komisch, wenn ich in den letzten Tagen vom Rooftop …

Zeitungslektüre 2: In der Luft

The Times of India vom 14.11.2024. Jaipur: Der Jaipur International Airport hat vorgestern 17.768 nationale und 1.949 internationale Fluggäste verzeichnet, das war der „highest single-day traffic ever“. Jaipur: Wegen Smog in der National Capital Region (NCR) mussten gestern neun Flüge auf dem Weg nach Delhi nach Jaipur umgeleitet werden. Die Fluggäste beschweren sich in den sozialen Medien: „Wir stecken seit 4 Stunden im Flug QP 145 fest. Wir dürfen in Jaipur nicht aussteigen. Wir leiden im Flugzeug. Wir wollen was essen.“ In den letzten 12 Monaten haben die indischen Fluggesellschaften 1.700 Flugzeuge bei Airbus und Boeing bestellt. In den letzten 10 Jahren hat sich die Anzahl der regionalen Flughäfen von 70 auf 140 verdoppelt… Der Luftqualitätsindex AQI misst Ozon, Feinstaub, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid und Stickstoffoxid. Er liegt heute in Jaipur bei 193 (ungesund) in Delhi bei 457 (gefährlich). Die Skala reicht nur bis 500.

Fegen, fegen…

Die fast 1,5 Milliarden Einwohner Indiens produzieren mittlerweile etwa ein Fünftel des weltweit anfallenden Plastikmülls, pro Jahr sind es 9,3 Millionen Tonnen. Die unfassbaren Mengen aller Arten von Müll sind überall, auf den Straßen und den Fußwegen, in Gräben, vor Häusern und in Flüssen, einfach überall! Vor allen Dingen der bunt und unvergänglich leuchtende Plastikmüll prägt zusammen mit den einhergehenden unangenehmen Gerüchen das Bild Indiens stark. Ein Vergleich der Plastikmüll-Produktion zu uns fällt zu unseren Ungunsten aus, denn wir knapp 80 Millionen Deutsche kamen 2023 auf 6,3 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle. Es gelingt uns offensichtlich nur besser, diese von den Straßen verschwinden zu lassen. Und gleichzeitig gilt: was nicht so leicht recycelt werden kann, verkaufen wir dann ins Ausland, oft nach Asien. Da kümmern sich dann die Ärmsten und unter ihnen auch Kinder unter in der Regel unwürdigen Umständen um die weitere Mülltrennung. Das ist in Indien nicht anders, hier sind in der Regel die „Dalits“, die Kaste der Unberührbaren zuständig für die Müllentsorgung – auch wenn es offiziell keine Kasten mehr gibt. Vor allem in …

Die 27-Stunden-Erfahrung

Bi ist für unsere Unterbringungen verantwortlich, ich für unsere Mobilität, so der Deal. Von Patna bis nach Jaipur sind es etwas über 1.000 Kilometer. Da alle Züge ausgebucht sind, fahren wir mit dem Bus. Ich habe einen A/C Sleeper für uns gebucht, einen Schlafbus mit Klimaanlage. Riskant. Das kann für den Mobilitätsbeauftragten Abzüge in der B-, wenn nicht gar A-Note geben. Fazit vorab: es war eine Erfahrung. Da auf den Voucher unterschiedliche Abfahrtsorte angegeben waren, was dem Mobi-Beauftragten zu spät auffiel, standen wir zunächst am Rande einer sechsspurigen Ausfallstraße. Professionelle Mobis bleiben hier gelassen: Eben ein Tuk-Tuk finden und dem Fahrer den Weg durch Patna weisen, weil er die Schrift auf meinem Handy nicht lesen kann. Geht doch. Der richtige Abfahrtsort ist die Zentrale von „Panwar Travels“, eine abgerockte Garage. Auf dem Firmenschild zeigt mir Bi das Bild eines sehr modernen Busses. Der Bus kommt ca. 1 Stunde zu spät und vor uns steht ein Fahrzeug, das, nun ja, fährt. Was will man mehr. Was nun folgt, wiederholt sich später an jeder Einstiegsstation. Ein mächtiges …

„Sanja dee…?“

Dass etwa 40 Leute abends vor dem „Bansi Vihar“ auf eigens aufgestellten Plastikstühlen sitzen und warten, ist normal – und im Restaurant sind natürlich die 150 Sitzplätze komplett besetzt. Die beiden wichtigsten Figuren sind der Türöffner und der Tische-Vergeber, der gleichzeitig auch der Abhol-Namen-Rufer ist, offensichtlich kann man hier auch Essen bestellen. „Sanya dee?“ oder „Ramon dee?“ oder so ähnlich klingt das, was er ruft. Im Idealfall springt jemand auf und kommt dann mit Taschen voller eingepackter Speisen aus dem Laden wieder raus. Sehr gute Kritiken hat das Restaurant von über 8000 Besuchern bekommen. Deswegen hat Tho es für uns ausgewählt. Außerdem liegt es nah an unserem Hotel. Ehrlicherweise sitzen wir zum dritten Mal vor dieser Tür und genießen das Warten bei angenehmen abendlichen 24 Grad bis wir eingelassen werden… na ja, ich schreibe währenddessen an diesem Artikel, weil ich ja gar nicht so gut warten kann. Berühmt ist das Bansi für seine „Dosas“, das sind hauchdünne knusprige Teigfladen, gefüllt mit unterschiedlichen Zutaten, zum Beispiel Kartoffeln, Linsen oder Käse. Dazu gibt es zwei kleine Schüsselchen …

Ein Überlebender

Patna liegt am Ganges. In der Stadt leben etwa 1,8 Millionen Menschen, in 25 Jahren sollen es ungefähr 5,1 Millionen sein. So in etwa. Wir waren heute am Ganges, am Mahatma-Gandhi-Ghat. Ghat nennt man hier eine zum Fluss hinunterführende Treppe. Auch hier steht ein kleiner Tempel. Der Fluss ist nur noch eine fließende Kloake, nur noch ein Stück Infrastruktur, einer der dreckigsten Flüsse auf der Erde. Vermutlich aus Platzgründen hat man in den Ganges hinein eine Hochstraße gebaut, vier- bis sechsspurig. Um die Ecke wird schon die nächste Hochstraße durch die Stadt gezogen, eine Metrolinie entsteht. Und dennoch schwimmt nunmehr seit 23 Millionen Jahren der Gangesdelfin durch diesen mächtigen und heiligen Fluss. In der Mythologie der Hindus reitet die Göttin Ganga auf einem Flussdelfin. Gangesdelfine sind praktisch blind, schwimmen auf der Seite und tasten sich mit ihrer Schwanzflosse am Grund entlang. Sie sind Einzelgänger und jagen über Echolotung. Sie haben eine sehr lange Schnautze, hervorstehende Zähne und blinde Augenhöhlen. 5.000 Exemplare sollen noch im Ganges leben. Ein Überlebender, trotz der Jagd auf sie, Staudämmen, Fabriken, …

Planänderung für den Sonnengott

Wir sind eingeladen zu einer Puja. Von Amal, der unser Hotel betreut. Er sagt, es sei ein speziell in diesem Teil von Indien gefeiertes Fest zu Ehren des Sonnengottes und der Natur, wir sollten unsere Abreise um einen Tag verschieben um das mit zu erleben. Zur genaueren Erläuterung schickt er den Link zu Wikipedia. Dort finden wir, dass die „Chhath Puja“ über 4 Tage dauert, dass verschiedene Rituale von der Reinigung über Fasten bis zur Opferung von Früchten und einem gemeinsamen Mahl dazu gehören. Heute, am 7.11. ist der 3. Tag, an dem der Untergang der Sonne rituell gefeiert wird. Also beschließen wir zu bleiben. Um 15:00 Uhr ist Treffen im Hof vor dem Hotel. Der Bruder, Amals 3jährige Tochter, seine Schwägerin, ein Cousin, ein Vater und ich weiß nicht wer noch alles aus der Familie kommen vorbei, die Verteilung auf die verschiedenen Autos geht lautstark und langwierig voran und irgendwann fahren wir tatsächlich los in Richtung Fluss. Der Niranja führt nur wenig Wasser und an beiden Flussufern sieht man Menschen und noch mehr Menschen …

Der Weg

Der Weg ins Zentrum von Bodhgaya dauert jeden Morgen 45 Minuten, zu Fuss. Er führt durch eine ländliche Gegend in die kleine Stadt hinein. Dieser tägliche Weg kurz nach Sonnenaufgang ist nicht schön, also nicht hübsch, nicht ästhetisch, nicht behaglich, nicht romantisch, nicht malerisch und nicht idyllisch. Er ist voll Müll, unfassbar viel Müll. Es ist schon frühmorgens laut, klar durch das Hupen, aber auch durch laute Musik in den kleinen Dörfern, aus Lautsprechern, die sich über das gesamte Land verquirlt. Warum nur? (Nachtrag: einen Tag später erfahren wir den Grund für die morgendliche Musik. Es ist Chhath Puja, ein viertägiges Fest der Hindus zu Ehren des Sonnengottes Surya, der der Erde Licht, Energie und Leben brachte. Dieses Fest wird vor allem im Bundesstaat Bihar gefeiert. Unser Vermieter hat uns auf dieses Fest am Ufer des Falgu River eingeladen. Also Planänderung. Wir bleiben noch eine Nacht hier). Der Weg ist gegensätzlich: Auf der einen Straßenseite polieren junge Hotelangestellte dicke, bereits strahlende, weiße SUVs, auf der anderen formen die Frauen Kuhfladen zum Trocknen. Wie fast wohltuend …