Alle Artikel mit dem Schlagwort: Reisen

Torralba de Ribota

Ach, unser Dorf, unser Torralba de Ribota ist eine Liebe auf den ersten Blick. Zum Glück liegt es nicht, wie andere Dörfer direkt an der Nationalstraße, sondern hinter einem Hügel versteckt. Der schönste Moment ist der, wenn wir mit dem Auto um die Kurve kommen und dann liegt es da. Das höchste Bauwerk ist die im Verhältnis zum restlichen Dorf unfassbar große Kirche, die hier schon seit dem 14. Jahrhundert steht. Und weiter rechts der Torre Alba, der weiße Turm, genauso lange schon am Ort und Namensgeber für das Dort, das in der Nähe des Flusses Ribota liegt. Um die Kirche San Felíx scharen sich die Häuser, alle mit den typisch rostroten Ziegeldächern, mit kleinen Fenstern, die meistens keinen Blick nach innen gewähren, weil ewig die Rollos herunter gelassen sind. Ein Netz enger Gassen, die meist menschenleer sind. Gelegentlich wird gefegt, also auch hier! (Eine kleine Verbindung zu Asien, wo das Fegen ja so allgegenwärtig war.) Wenn wir bei den Wohnhäusern bleiben, dann ist typisch, dass um die Fenster herum der Rahmen farblich abgesetzt wird, …

Die zweite Reise

Es gab eine Unterbrechung im Reisefluss. Für mich waren es drei Wochen in Bremen, für Tho sieben Tage. Seit dem 1. April sind wir wieder unterwegs. Mit dem guten alten Saab Cabriolet. Unser Ziel: Torralba de Ribota, eine Stunde südlich von Saragossa, Spanien. Es sollte eine gemütliche Anreise werden. Sieben Tag für die ganze Strecke. Zeit genug, um Städte, Kathedralen, Märkte und Museen anzuschauen. Angefangen im Museum Centre Pompidou in Metz. Beeindruckend ist die Ausstellung von Cerith Wyn Evans: „geliehenes Licht, durch METZ“ In dem langgestreckten Galerieraum gab es unterschiedliche Licht- und Toninstallationen, die durch die Spiegelflächen an den Seiten eine unendliche Erweiterung erfuhren. Und auch der Mann auf der Bank:) Um die Wahrnehmung des Lichts ging es auch in den Kathedralen, die wir besucht haben. Was ist ein anderes Reisen mit dem Auto. Immer wieder neu entscheiden können, welche Strecke wir fahren wollen. Anhalten können, wo wir wollen. Und dann ist uns Frankreich eben auch viel vertrauter, als es die Länder Asiens waren. Der Weg führt uns durch die Auvergne, eine grüne Vulkanlandschaft. In …

Demachiyanagi

Demachiyanagi heißt mein Stadtviertel in Kyoto. Hier betreibt Daisuke sein kleines Gästehaus, eigentlich mehr eine WG, in der ich ein Zimmer habe, gemeinsame Küche und DU/WC. Demachiyanagi liegt am Fluss Kamo, der durch Kyoto fließt. Geht man den Fluss entlang, kommt man irgendwann in das Zentrum und dort wird es sehr voll, in Demachiyanagi aber ist es ruhig. Eigentlich bin ich immer in Demachiyanagi. Nur Mittags laufe ich den Kamo entlang in ein kleines Restaurant am Fluss und esse dort meistens Ramen. Oder ich bin in Kurama. Ab Demachiyanagi fährt ein kleiner Zug durch Kyoto und den Hügel hoch in den Stadtteil Kurama. Mitten im Wald ist dort eine heiße Quelle, die ich durch Zufall entdeckt habe, mit einem kleinen Restaurant und einer Sauna. Zwei Tage war ich dort und hab mich mit Japanern (Frau und Mann sind getrennt) in der Quelle treiben lassen. Die meisten leisen Gespräche landen auch hier irgendwann bei Trump, während es regnet, der Bach plätschert, die Quelle und der Wald qualmen, die Bäume rauschen. Ein Südkoreaner erzählt mir, dass er …

Kinkaku-ji

Jedes Kind in Japan kennt den Kinkaku in Kyoto, den Goldenen Pavillon. Mich fasziniert der Kinkaku seit meiner Ankunft. Er ist der erste Tempel, den ich besucht habe. Aber ich war nach meinem ersten Besuch einfach noch nicht fertig mit ihm. Mit mir strömten Tourist:innen aus aller Welt auf das Gelände. Es gibt einen Rundgang und Schilder mit dem Hinweis „No Return“. Ich schwimme in der Menge mit, eine Annäherung aus dem Augenwinkel, mehr ging nicht. Der „Goldene Pavillon“ heißt auch ein Buch von Yukio Mishima, übersetzt von Ursula Gräfe. Während die Amerikaner das Stadtgebiet von Tokio ab Ende 1944 bis August 1945 zur Hälfte zerstörten, die Luftangriffe waren verheerend, blieb Kyoto verschont. Dadurch überlebte der Kinkaku den 2.Weltkrieg unversehrt. Fünf Jahre nach Kriegsende jedoch wurde der Kinkaku von einem jungen Studenten in Brand gesteckt – eine weitere nationale Katastrophe. Das Buch von Yukio Mishima erzählt die Geschichte dieses Brandstifters, der Mönch werden sollte und deshalb Jahre vorher auf dem Gelände des Kinkaku lebte. Yukio Mishima hat diesen Mann für seinen Roman auch im Gefängnis …

Yamatoya

Im „Yamatoya“ hört man Jazz, nicht live, sondern vom Plattenspieler. Und man trinkt Whisky. Von Whisky habe ich absolut keine Ahnung, ich frage deshalb den Besitzer nach einem japanischen. Seine Empfehlung ist eindeutig und sehr samt. Der alte Mann wählt die Scheiben aus den Tausenden im Raum und legt sie auf die beiden dicken Plattenspieler, vermutlich seit Jahrzehnten genau so, eine schöne Bewegung. Wieder Miles. Und Joe Sample und das Warne Marsh Quintet. Wir sind nur zu zweit, lesen und hören, kein Wort. Später kommen noch eine junge Mitarbeiterin und offensichtlich ein Stammgast hinzu. Dieser wünscht sich Louis Armstrong, wippt leicht zur Musik, trinkt einen Whisky und verschwindet wieder. In den Regalen steht vermutlich das gesamte Programm von Blue Note, viel ECM und viel, viel mehr. Dicker roter (glaube ich) Teppich, riesige alte Boxen, eine Patina der 50/60/70er, jedenfalls letztes Jahrhundert. Wir hören John Coltrane, Bill Evans und „Don’t Explain“ von Billie Holiday und wenn ihr mal in „Summertime“ von Art Pepper reinhört, dann könnt ihr euch die Stimmung im „Yamatoya“ gut vorstellen. Oder vielleicht …

Fuyuco

Schwer sind sie zu finden, die Eingänge der Restaurants, Bars oder Clubs hier in Kyoto, sie sind nie offensichtlich, zumindest für mein Auge. Auch das „Candy“ versteckt sich. Deshalb und weil es regnet, kalt und dunkel ist, meine Fahrradkette dringend Öl braucht und ich mich erst wieder an den Linksverkehr gewöhnen muss, komme ich zu spät. Dennoch bin ich nur der dritte Gast und Fuyuco begrüßt mich persönlich. Der Barkeeper, mit langen grauen Haaren, schwarzer Maske und schwarz gekleidet, verschwindet fast im Dunklen hinter Unmengen an Whiskeyflaschen und spricht kein Wort Englisch. Wir einigen uns irgendwie nach mehreren Versuchen auf ein Bier. Fuyuco spricht Englisch, ähnlich schlecht wie ich. Sie lebe gleich um die Ecke und liebe Kyoto, erzählt sie. Ah, aus Deutschland, aus Bremen. „Ah, the town musicians“. Sie übersetzt dem Barkeeper und den beiden anderen Gästen. Und alle nickend: „Ah, the town musicians“. Die Ur-, Ur-, Urgroßmutter von Gast Zwei käme aus Deutschland, sie wisse aber nicht woher, übersetzt mir wiederum Fuyuco. Sie habe vor kurzem einen hervorragenden deutschen Film gesehen. „Wie war …

Miles

Das „Kazenone“ ist eine Bar um die Ecke oder mehr eine Kooperative. In einer Seitenstraße, klein, von außen kaum erkennbar. Wir trinken heißen Shochu, ein Schnaps aus Süßkartoffeln. Daisuke macht Oden, ein Gericht der Winterzeit: Ei, Winterrettich, Teufelszunge und Chikuwa in wenig Brühe. Wir plaudern über Deutschland und Japan, über Perfect Days von Wim Wenders, über Trump, über Jugendherbergen. Über besondere japanische Drucktechniken. Mir wird die Kyoto-Schule vorgestellt, die in Japan erstmalig die Auseinandersetzung mit der westlichen Geistestradition beginnt und das erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und wir feiern einen Geburtstag. Draußen regnet es, bei null Grad. Wir wechseln zu einem umwerfenden Sake. Und ja, ich rauche seit fünf Monaten meine erste Zigarette, eine. Meine Körpergröße beeindruckt. Finger- und Armlängenvergleiche sind da unbedingt notwendig. Und wir hören Miles, von Vinyl. Keine Musik passt besser zu diesem Abend.

Keihan Main Line

Vom Kansai-Airport mit der Nankai-Kuko Line bis zur Tengachaya Station, von dort mit der Sakaisuji Line bis zur Kitahama Station, weiter mit der Keihan Main Line bis zur Demachiyanagi Station. Japan begrüßt mich mit einer wunderschönen Bahnfahrt heraus aus der Bucht von Osaka bis nach Kyoto. Die Fahrt dauert zwei Stunden und spätestens als ich an der Kitahama Station in die Keihan Main Line umsteige, bekomme ich einen ersten Eindruck von japanischer Ästhetik und Lebensweise. Wir gleiten durch die Landschaft in einem Wagon der Elegant Saloon 8000 Series. Öffnen sich leise die Türen, hört man dezente Musik an jeder Station, Vogelgezwitscher. Die Menschen sprechen leise miteinander. Ein lautes Handygespräch wäre hier undenkbar, das merkt man sofort. Die Durchsagen werden durch die Polster gedämpft. Der Schaffner trägt die berühmten weißen Handschuhe und bewegt sich elegant durch die Gänge. Auf dem Boden fällt ein Stück Plastik auf. Sabi ist ein Ideal japanischer Ästhetik und meint die Schönheit natürlicher Patina und Alterung oder besser: die Schönheit im Laufe der Zeit. Durch den Gebrauch der Dinge werden sie schöner. …